Kampfbegriff "Gender"





Inhaltsübersicht

Kurzfassung

Einführung und Motivation

Übersicht über die Hauptbegriffe

Biologische Geschlechtsbegriffe im Detail

Psychologische Geschlechtsbegriffe

Soziologische Geschlechtsbegriffe

Glossar "Begriffe in Glossaren"



Kurzfassung

Kurzfassung


Die Rolle und Wichtigkeit des Begriffs "Gender"

Der Begriff "Gender" ist einer der wichtigsten und zugleich unklarsten Begriffe in der Geschlechterdebatte. Er ist Bestandteil weiterer zentraler Begriffe wie "Gender Studies", "Gender Mainstreaming", Genderismus, Gender-Theorie, Gender-Stern u.a. Er wird in den verschiedenen Kontexten mit völlig verschiedenen Bedeutungen benutzt. Die Abgrenzung zum Begriff "Geschlecht" ist meistend unklar.

Obwohl also kein Konsens herrscht, was "Gender" überhaupt ist, ist es ein zentrales Dogma der feministischen Ideologie und der Gender Studies, daß "Gender" bzw. "Geschlecht" sozial, also willkürlich (um nicht zu sagen böswillig) konstruiert ist und auch anders als aktuell vorhanden konstruiert sein könnte, natürlich gemäß feministischen Wunschvorstellungen.

Die Annahme, daß Geschlechter und deren Unterschiede willkürlich sozial konstruiert sind, ist keine reine Gelehrtendebatte ganz oben im Elfenbeinturm, sondern von eminenter machtpolitischer Bedeutung. Sie ist nämlich eine entscheidende Voraussetzung für die Schlußfolgerung, die vorhandenen Verhältnisse seien vermeidbare und ungerechte Diskriminierungen von Frauen und beliebig änderbar, und hieraus weiter zu folgern, man müsse dieses Unrecht mit (grundgesetzwidrigen) Diskriminierungen von Männern kompensieren, z.B. Frauenquoten, und diverse soziale Verhaltensvorschriften aufstellen. Es muß als politische Meisterleistung anerkannt werden, die These von der sozialen Konstruktion von Geschlecht zum politischen Allgemeingut gemacht zu haben, obwohl keine klare Definition des Begriffs "Gender" (und indirekt "Geschlecht") vorliegt und die o.g. Schlußfolgerungen unhaltbar und vielfach widerlegt worden sind.

Tatsächlich ist das Begriffsnetz rund um den Begriff "Geschlecht" kompliziert, und obwohl man die Fehler in der These von der sozialen Konstruktion relativ leicht nachweisen kann, liefert einem dies noch keinen Gegenentwurf bzw. einen konsistenten Begriffsrahmen.

Grundzüge des Begriffsrahmens

Diese Seite enthält Definitionen der für die Geschlechterdebatte zentralen Begriffe Geschlecht, Gender, Sex, sexuelle Attraktion, Geschlechtsrolle, Geschlechterstereotyp u.a. Dieser Begriffsrahmen versteht sich als Gegenentwurf zum üblichen Begriffschaos in diesem Bereich, das eine inhaltliche Debatte erschwert oder - speziell für Anfänger - unmöglich macht und das regelmäßig als Vernebelungstechnik in der Geschlechterdebatte eingesetzt wird, weil es parteipolitisch bzw. ideologisch motivierte Propaganda und bewußte Täuschungen ermöglicht. Einleitend wird das vorhandene Begriffschaos anhand diverser Beispiele erläutert, um die Widersprüche und Ungereimtheiten in den Debatten bewußt zu machen.

Das Begriffschaos entsteht dadurch, daß Geschlechtsbegriffe in unterschiedlichen Kontexten benötigt und benutzt werden, dort aber - trotz gleicher Bezeichnung - eine teilweise fundamental andere Bedeutung haben. Einige Bedeutungen korrelieren zwar mehr oder weniger stark, die übliche simplifizierende Gleichsetzung führt aber sofort zu Mißverständnissen und Argumentationsfehlern. Es ist daher extrem wichtig, die folgenden Themenbereiche und Kontexte zu unterscheiden:

  1. die empirische statistische Beschreibung von Merkmalen von Menschen, genauer gesagt von (a1) biologischen, (a2) psychologischen bzw. (a3) sozialen Merkmalen von Menschen,
  2. die Beschreibung von "juristischen" bzw. "normativen" Strukturen bzw. sozialen Wirkmechanismen in Gesellschaften.
Man muß ferner strikt unterscheiden zwischen einer reinen Beobachtungen bzw. statistischen Beschreibungen (typisch für Kontextbereich a) und vermuteten Ursachen und Bewertungen für die beobachteten Phänomene (typisch für Kontextbereich b). Es gibt normative Strukturen (z.B. das Rechtsfahrgebot und das zugehörige Strafrecht in Deutschland), die Ursache für die empirische Beobachtung sind (hier: daß fast alle Fahrzeuge rechts fahren). Solche eindeutigen Wirkmechanismen bzw. Rückführungen von Beobachtungen auf Ursachen sind bei Geschlechterfragen heute sehr selten. Fast alle feministischen Theorien über geschlechtsbezogene soziale Wirkmechanismen sind hochgradig spekulativ oder falsch, dies wird regelmäßig durch Gleichsetzung der Begriffe kaschiert.

Lernziele dieser Seite

Diskurstechnisch gesehen führt dies zu folgenden Erkenntnissen:
  1. Sehr allgemein gehaltene Begriffe wie "Geschlecht", "Gender" oder "sexuelle Identität" sind durchweg unbrauchbar in Debatten. Brauchbar sind nur Konkretisierungen dieser Begriffe wie z.B. "reproduktives Geschlecht".
  2. Der für die Geschlechterdebatte zentrale Begriff "Gender" ist besonders unklar und wird parallel in mehreren widersprüchlichen Bedeutungen benutzt, vor allem in den Kontexten (a3) und (b). Diese Ambiguität wird oft gezielt für Begriffsverschiebungen, also für rhetorische Täuschungen, benutzt.
  3. "Gender" wird sehr häufig analog zum empirischen Begriff "biologisches Geschlecht" als empirischer Begriff "soziales Geschlecht" (im Kontext a3) definiert. Diese Begriffsdefinition sieht plausibel aus, scheitert allerdings an der nicht beherrschbaren Zahl möglicher Geschlechtskategorien und ist nicht tragfähig.
  4. "Gender" wird ebenfalls häufig als Synonym zu "Geschlechtsrolle" definiert. Dabei bleibt unklar, ob "Geschlechtsrolle" hier deskriptiv oder normativ verstanden wird. In der normativen Bedeutung ist Geschlechtsrolle sozusagen ein trojanisches Pferd, durch das man implizit hochumstrittene sozialkonstruktivistische Theorien als korrekt anerkennt. Ziel des Begriffs ist vor allem die propagandistisch Verbreitung der radikalfeministischer Dogmen, die die Basis dieser Theorien bilden.
  5. Analog zu "Gender" wird auch der eigentlich deskriptive Begriff "Geschlechtsstereotyp" ebenfalls häufig als normativ umgedeutet und verbunden mit unhaltbaren Pauschalisierungen hinsichtlich der Wirkung von Geschlechtsstereotypen.

Unscharfe Begriffe

Sehr viele der hier erklärten Begriffe sind unscharf bzw. "nicht-binär" in dem Sinne, daß sie mehr oder weniger zutreffend sein können. Unscharfe Begriffe sind völlig normal und alltäglich. Beispiele sind die Begriffe "schön" oder "freundlich" angewandt auf das Wetter oder einen Menschen. Fälschlicherweise werden unscharfe Begriffe bzw. deren Zutreffen bei einer Entität oft als sozial konstruiert, beliebig, irrelevant oder unnütz angesehen. Dieser Fehler wird oft als rhetorischer Trick eingesetzt, auf den man sehr leicht hereinfällt. Wer die sogenannte "fuzzy logic" noch nicht kennt, sollte unbedingt vor der Lektüre des Hauptteils dieser Seite eine kurze Einführung in die Theorie unscharfer Begriffe (fuzzy logic) lesen. Viele Konfusionen um den Begriff Gender lassen sich damit vermeiden.


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Einführung und Motivation

Motivation: das Begriffs-Chaos um den Begriff "Gender"


Man sollte ja eigentlich meinen, daß Begriffe wie Geschlecht und Gender hinreichend klar sein sollten, nachdem sie seit Jahrzehnten milliardenfach benutzt werden (Google findet übrigens "Ungefähr 1.190.000.000 Ergebnisse" bei der Suche nach "Gender"). So klar sind die Begriffe aber leider nicht, schon gar nicht für Anfänger, für die diese Seiten gedacht sind.

Ist "Gender" überhaupt ein Substantiv und hat "Gender" ein grammatisches Geschlecht (Gender) oder kommt das nur als Vorsilbe vor? Kennen Sie Ihr "Gender"? Sind Sie schon mal danach gefragt worden? Welche konkreten Ausprägungen von "Gender" kennen Sie bzw. wurden in Publikationen oder Diskussionen erwähnt? Was bedeutet eigentlich "genderfluid", und kann man auch "agender" sein?

Cat: I am agender. Ask me anything you like. Dog: We all are a gender. Cat: This is disgusting! Typical entitled cis white dog behavior.
Copyright © Martin Domig

Die Begriffskonfusion führt ständig zu vielen sinn- und ergebnislosen Diskussionen in allen möglichen sozialen Medien oder auch im realen Leben: die Diskussionsteilnehmer haben unterschiedliche und oft gar keine klaren Definitionen dieser Begriffe - trotz deren Bekanntheit - und reden aneinander vorbei, ohne es zu merken.

Nun sind dies meistens Amateure und man sollte denken, bei den "Profis" sei es besser. Man steht aber vor dem überraschenden Befund, auch dort verschiedene, sich widersprechende Definitionen vorzufinden. "Gender" wird oft informell definiert als das "soziale Geschlecht" oder die "Geschlechtsrolle" (was immer das bedeuten mag) als Gegensatz zum biologischen Geschlecht. Die deutsche Wikipedia definiert damit konsistent Gender (Version von Ende 2015; die Einträge werden von einer feministischen Autorengruppe immer wieder geändert, ein weiterer Beleg für die These von der Unklarkeit des Begriffs) wie folgt:

Der Begriff Gender bezeichnet das durch Gesellschaft und Kultur geprägte soziale Geschlecht einer Person neben ihrem biologischen Geschlecht (engl. "sex"). Gender als das soziale Geschlecht ist ein historisch-gesellschaftlich gewordenes, damit variabel und veränderbar.
Es fällt auf den ersten Blick nicht auf, aber das ist keine Definition, sondern eine inhaltsleere Ausrede. Analog dazu würde man einen Dieselmotor definieren als ein Antriebsaggregat, das irgendwann erfunden und seitdem oft verändert wurde und das anders als ein Benzin-Motor ist. Derartige Definitionen sind optische Täuschungen. Es wird nichts definiert, sondern in diesem Fall wird "Gender" i.w. als Synonym für "soziales Geschlecht" (oder "Geschlechtsrolle"), eingeführt, beides unklare, beliebig interpretierbare Begriffe. Man erfährt nur, was Gender nicht ist (das biologische Geschlecht), daß sich der Begriff über die Zeit verändert hat (uns interessiert aber, was der Begriff hier und heute bedeutet) und daß er irgendwie variabel ist (als Ausprägung bei einer Person? Oder als Begriffsskala?). Die Englische Wikipedia definiert Gender (Version von Ende 2015) völlig anders:
Gender is the range of characteristics pertaining to, and differentiating between, masculinity and femininity. Depending on the context, these characteristics may include biological sex (i.e. the state of being male, female or intersex), sex-based social structures (including gender roles and other social roles), or gender identity.
("Gender" ist die Menge der charakteristischen Merkmale, die zur Männlichkeit bzw. Weiblichkeit gehören und diese unterscheiden. Je nach Kontext können diese Merkmale das biologische Geschlecht (also den Zustand, männlich, weiblich oder intersexuell zu sein), auf dem biologischen Geschlecht basierende soziale Strukturen (insb. Geschlechtsrollen und andere soziale Rollen) oder die Geschlechtsidentität enthalten.)
Überraschung: Gender enthält also doch teilweise biologische Aspekte? Und auch hier Indizien für eine Luftnummer: was bedeuten die Hilfsbegriffe "masculinity" bzw. "femininity"? Muß man für diese Definition schon vorher wissen, was das männliche bzw. weibliche Geschlecht ist? Und was sind "... charakteristische Merkmale von Personen, die zur Maskulinität bzw. Femininität gehören"? Welche Merkmale? Wer entscheidet über die Auswahl? Und welche Gender gibt denn nun konkret?

Man findet noch diverse weitere Definitionsvarianten, u.a. in Lehrbüchern für die Gender Studies. Unklar bleibt fast immer, wie sich diese Definitionen inhaltlich unterscheiden. Dies liegt vor allem daran, daß die in den Definitionen benutzten Begriffe selber oft unscharf sind. Der Eindruck eines begrifflichen Chaos wird bestätigt von diversen "professionellen" Quellen, die immer wieder modifiziert wurden oder sich selber "renovierungsbedürftig" bezeichnen (z.B. Queer Lexikon: Sexuelle Orientierung, dt. Wikipedia: Sexuelle Identität, engl. Wikipedia: Gender Identity).

Festhalten kann man also für Anfänger: Sowohl bei den Amateuren wie den Profis liegt ein Begriffs-Chaos vor und jede ernsthafte Diskussion über diese Themen, die ein bißchen in die Tiefe gehen soll, scheitert sehr wahrscheinlich an diesem Begriffs-Chaos.

Gründe für das Begriffs-Chaos

Es gibt mehrere Gründe für diese Begriffs-Chaos.
Ein erster offensichtlicher Grund: das Thema ist tatsächlich schwierig und eine Herausforderung. Die Menge der Phänomene und Probleme, die irgendwie relevant für diese Begriffe ist, ufert sehr schnell aus und man ist schnell überfordert. Dadurch werden Fehler wahrscheinlich, entweder weil man prinzipiell überfordert oder nur schlampig ist.
Naheliegend ist auch, das Begriffs-Chaos als Folge der Unwissenschaftlichkeit feministischer Gender Studies anzusehen. Dieser Verdacht wird sich im weiteren Verlauf als richtig herausstellen, aber anders als man denkt.
Eine wirkliche Hauptursache liegt darin, daß der Begriff "Gender" (und tw. "Geschlecht") als politischer Kampfbegriff benutzt wird, indem die Technik der Begriffsverschiebung intensiv benutzt wird, um Debattengegner zu verwirren und zu übertölpeln. Mehr dazu im folgenden Abschnitt.

Internes Glossar

Man kann das Begriffs-Chaos kritisieren, das hilft einem aber nicht weiter, wenn man sich ernsthaft mit den Themen befassen will, denn dann braucht man einen konsistenten Satz von Begriffen. Ein Hauptzweck dieses Textes ist daher ein konsistenter Satz von klar definierten Begriffen, also ein eigenes Glossar.

Wegen der Komplexität des Themas muß man den Anspruch an die Begriffswelt auf etwas Machbares herunterstutzen, also u.a. weniger wichtige Randbegriffe weglassen. Dazu gehört auch, sich die Zwecke der Begriffe explizit klar zu machen. Die Zwecke dieses Glossars und die dabei angenommenen Randbedingungen kann man wie folgt zusammenfassen:

  • Konzentration auf die grundlegende Begriffe Geschlecht, Gender und Sex und die wichtigsten dabei benutzten Hilfsbegriffe
  • präzise Begriffsdefinitionen (präziser als die oben beklagten unscharfen Begriffe)
  • Eignung, die versteckt stattfindenden Begriffskriege ans Licht zu bringen, d.h. Gemeinsamkeiten, Unterschiede, versteckte Aussagen und Widersprüche vorhandener Begriffsdefinitionen und Debatten zu verstehen
  • handwerklich saubere Benutzung von Metabegriffen.
Nicht Absicht dieses Textes ist, ein Lehrbuch über Genetik, Persönlichkeitspsychologie o.ä. zu schreiben.

Zu den Metabegriffen: In den Begriffsdefinitionen werden wiederum Begriffe wie "Merkmal" oder "unscharfes" Merkmal benutzt. Diese Begriffe zur Definition von Begriffen ("Metabegriffe") sind hinten in einem separaten Abschnitt rekapituliert. Ein Abschnitt führt die relativ bekannten Grundbegriffe Merkmal, Merkmalsausprägung, Nominalskala usw. (die aus der deskriptiven Statistik stammen) ein. Diese Begriffswelt stößt allerdings an Grenzen, wenn Merkmale nicht binär sind. Als Ergänzung benutzen wir daher weitere Begriffe aus der Denkwelt der weniger gut bekannten Fuzzy Logik, daraus vor allem den Begriff "linguistischer Term"; wer diesen Begriff nicht kennt, sollte unbedingt zunächst diese kurze Einführung lesen.



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Kampfbegriff "Gender"


Eine erste Version dieser Seite war als reines Glossar rund um den zentralen Begriff Gender gedacht. Diese Absicht ist am definitorischen Chaos um diesen Begriff gescheitert. Dieses Chaos ist kein Zufall, sondern direkte Folge davon, daß es sich um einen politischen Kampfbegriff handelt. Gender ist in zweierlei Hinsicht ein Kampfbegriff in den aktuellen politischen Debatten:
  • Weil er unscharf definiert ist, kann man in Debatten mit Begriffsverschiebungen taktieren, d.h. man verändert in einer Argumentationskette unmerklich die Bedeutung des Begriffs "Gender". Die Unschärfe der Definition wird in Debatten als klassische feministisches Doublespeak-Technik (Ambiguität) eingesetzt, Beispiele s.u.
  • Die konkurrierenden Begriffsdefinitionen gehen auf unterschiedliche Denkschulen innerhalb des feministischen Ideologienspektrums zurück. Die beiden obigen Wikipedia-Definitionen sind ein Beispiel hierfür. Hierzu mache man sich klar, daß viele soziologische Begriffe implizit soziologische Theorien aufstellen, die wiederum in politischen Machtkämpfen als Munition gebraucht werden. Ein Beispiel ist der Begriff "Patriarchat", der implizit die These aufstellt, daß sich "die Männer" gemeinsam und koordiniert gegen "die Frauen" agieren. Benutzt man einen solchen Begriff, bestätigt man implizit die darin unterstellten soziologischen Theorien bzw. Dogmen als zutreffend.
Das Arbeiten mit Begriffsverschiebungen hat teilweise krasse Formen:
  • "Gender" wird überwiegend als "das soziale Geschlecht" einer Person definiert, also begrifflich als eine Eigenschaft einzelner Personen, die sich auf deren soziales Verhalten bezieht und für die es mehrere Ausprägungen gibt.
  • In Wortverbindungen wie "Gender Mainstreaming", "Gender-Medizin", "Gendergerechtigkeit" u.a. bedeutet "Gender" stattdessen faktisch das biologische Geschlecht von Personen, das Sozialverhalten spielt hier keine Rolle.
  • In Wortverbindungen wie "pro-gender", "anti-gender" (ca. 93.300 Ergebnisse bei Google), "Anti-Genderismus", "Gender-Sensibilität" u.a. steht Gender für die feministische Ideologie oder unklar bleibende politische Einstellungen. Die Begriffsverschiebung ist hier besonders plump und dreist: Menschen weisen offensichtlich die Eigenschaft "Geschlecht" auf. Insofern ist es absurd, gegen das Vorhandensein dieser Eigenschaft zu sein ("anti-gender"). Durch die Begriffsverschiebung von einer Eigenschaft zu einer Ideologie wird suggeriert, daß es absurd ist, gegen die feministische Ideologie zu sein. Ein analoger Begriff ist "Anti-Körpergewicht", dessen Unsinnigkeit offensichtlich ist.
Während die vorstehenden krassen Begriffsverschiebungen offensichtlich sind, sind andere Begriffsverschiebungen - vor allem im Kontext der Frage, ob Gender eine variable Eigenschaft einer Person und sozial konstruiert ist - weitaus subtiler und besser versteckt und können erst später erklärt werden.


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Übersicht über die Hauptbegriffe

Hauptbegriff "Geschlecht"


Wir führen zunächst als kompakte Übersicht einige Hauptbegriffe ein.

Merkmal: Geschlecht

Wir verstehen in diesem Glossar "Geschlecht" als ein i.d.R. nominalskaliertes Merkmal von Personen. Ob es 2, 67 oder 25000 "Geschlechter", also genauer gesagt Ausprägungen des Merkmals Geschlecht, gibt, ist hier unwesentlich. Entscheidend ist, daß man die Skaleneinträge benennen kann und ein Individuum einem Skalenwert zuordnen kann.

"Geschlecht" ist Oberbegriff verschiedener anderer Geschlechts-Begriffe. In sehr vielen Kontexten ist der Begriff "Geschlecht" nicht sinnvoll nutzbar, weil er Oberbegriff für alles Denkbare ist und offen bleibt, auf welche Geschlechtsmerkmale man sich bezieht.

Die konkreteren Geschlechtsbegriffe basieren alle auf einem oder mehreren beobachtbaren Geschlechtsmerkmalen, ggf. auf einer zusätzlichen Kategorisierung der Ausprägungen dieser Geschlechtsmerkmale. Wir halten diesen Punkt explizit fest, er hat als Konsequenz, daß wir uns zunächst nicht mit den Ursachen befassen, warum bestimmte Ausprägungen der Geschlechtsmerkmale entstehen, oder einer moralischen Bewertung der Ausprägungen der Geschlechtsmerkmale. Es geht hier zunächst "nur" darum, die Geschlechtsmerkmale und ihre Ausprägungen zu spezifizieren.

Es gibt sehr viele Geschlechtsmerkmale, sie unterscheiden sich erheblich hinsichtlich der prinzipiellen Möglichkeiten, sie zu beobachten und zu messen, und ggf. hinsichtlich der anwendbaren "Meßverfahren". Man kann folgende Arten von Geschlechtsmerkmalen unterscheiden:

  1. biologische Merkmale, deren Ausprägungen mit medizinisch/biologischen Verfahren bestimmt werden,
  2. psychische Merkmale, deren Ausprägungen mit psychologischen Untersuchungsmethoden bestimmt werden,
  3. soziale Verhaltensmerkmale, deren Ausprägungen durch Beobachtung sozialer Interaktion mit anderen Personen bestimmt werden.
Die Bildung von "Geschlechtern" ist ein separater, aufbauender Schritt: "ein Geschlecht" ist eine Kategorie von Personen, die bestimmte Ausprägungen bei einem oder mehrere Geschlechtsmerkmalen aufweist.

Psychische und soziale Merkmale sind nicht völlig sauber getrennt, insb. bedingen beide i.d.R. eine vorherige Kategorisierung aller Individuen anhand biologischer Geschlechter. Daher stellen wir i.f. zunächst biologischer Geschlechtsmerkmale und daraug basierende Geschlechtsbegriffe vor, danach erst die psychischen und sozialen Geschlechtsmerkmale und Geschlechtsbegriffe.



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Biologische Geschlechtsmerkmale


Physische bzw. biologische Merkmale sind Merkmale, die mit medizinisch/biologischen Verfahren im Körper von Personen meßbar sind und die keine Beobachtung des Verhaltens einer Person oder sogar Kommunikation mit einer Person erfordern; diese werden weiter unterteilt in:
  1. physische unbelebte Merkmale, die ggf. schon anhand einer Gewebeprobe oder auch an einer Leiche oder einem Embryo bestimmt werden können. Beispiele:
    • innerhalb von Zellen: Chromosomen, darauf befindliche Gene
    • im Körper: Geschlechtsorgane, Hormonkonzentrationen, geschlechtstypische anatomische Formen von Körperteilen etc.
  2. physische belebte Merkmale, die nur an einer lebenden Person beobachtet und gemessen werden können, i.d.R. als Reaktion auf äußere Reize. Beispiele:
    • körperliche, unterbewußte Reaktionen auf sexuelle Reize, z.B. Erektionen (s. sexuelle Attraktion)
    • Hormonausstoß in Streßssituationen,
    • geschlechtsspezifischer Stoffwechsel,
    • Informationsverarbeitung im Gehirn
Die Ausprägungen der biologischen Merkmale sind von Natur aus vorgegeben und nicht konstruierbar: man kann keine Menschen mit 3 Y-Chromosomen, 4 Brüsten oder 5 Beinen "konstruieren". Eventuelle Mutationen können zwar bei Individuen auftreten, diese sind aber - sofern überhaupt lebens- und fortpflanzungsfähig - i.a. nicht vererbbar, für biologische Klassifikationen daher irrelevant.

Die konkrete Ausprägung fast aller biologischen Merkmale ist bei einem Individuum nicht änderbar (geschlechtsändernde Maßnahmen bei sexuellen Transitionen betreffen nur einen Bruchteil aller biologischen Merkmale).



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Biologische Geschlechter


Merkmal: biologisches Geschlecht

Das biologisches Geschlecht ist eine biologische Eigenschaft von Personen. "Biologisches Geschlecht" ist wiederum nur Oberbegriff für mehrere konkretere Definitionen, auf die wir später ausführlich eingehen. Diese Definitionen beruhen alle auf biologischen Merkmalen (belebten oder unbelebten).

Die hier benutzten biologischen Merkmale sind nominalskaliert (vereinzelte Mutationen sind biologisch nicht relevant). Die Bildung von Kategorien bzw. Geschlechtern anhand der einzelnen möglichen Ausprägungen ist bei nominalskalierten Merkmalen trivial: jede Merkmalsausprägung definiert eine Kategorie. Eine eigene "kreative" Kategoriebildung wird hier nicht benötigt.

Als Synonym für "biologisches Geschlecht" wird oft "Sex" (mit Verweis auf das gleichlautende englische Wort) angegeben. "Sex" wird allerdings im Alltag als Bezeichnung für beliebige sexuelle Aktivitäten verstanden, ferner im Kontext des Fachs Biologie oft als die sehr spezielle Aktivität, eine Ei- und eine Samenzelle zusammenzubringen. Wir werden die Bezeichnung "Sex" daher weitgehend vermeiden.

Merkmal: wahrgenommenes biologisches Geschlecht

Das wahrgenommene biologische Geschlecht ist eine Eigenschaft von Personen. Im Unterschied zum "präzisen" biologischen Geschlecht, dessen Merkmale ggf. nur durch medizinisch/biologische Analysen und entsprechende Technik, dann aber recht präzise gemessen werden können, handelt es sich hier um das Ergebnis der Klassifikation von Personen anhand von biologischen Körpermerkmalen, die mit menschlichen Sinnesorganen, also durch Menschen und deren Möglichkeiten zur Informationsverarbeitung wahrnehmbar sind.

Während die diversen biologischen Geschlechtsbegriffe durchweg nominalskalierte Merkmale sind, sind die Ausprägungen des wahrgenommenen biologischen Geschlechts linguistische Terme, können also verschiedene Grade des Zutreffens haben.

Der Begriff "wahrgenommenes biologisches Geschlecht" wird vor allem für die Definition der Begriffe sexuelle Attraktion und sexuelle Identität benötigt.



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Psychische Geschlechtsmerkmale


Psychische Geschlechtsmerkmale sind Merkmale der Psyche einer Person, die nur mit psychologischen Untersuchungsmethoden bestimmt werden können (daß diese Untersuchungsmethoden tw. als sehr unzuverlässig gelten, spielt hier keine Rolle, mit medizinisch/biologischen Untersuchungsmethoden sind diese Merkmale jedenfalls nicht meßbar, es sind auch keine originär sozialen Verhaltensmerkmale).

Merkmal: sexuelle Identität (geschlechtliches Selbstkonzept)

Die sexuelle Identität (oft auch als "Geschlechtsidentität" bezeichnet) ist der Wunsch, der feste Wille oder die Vorstellung einer Person, einem bestimmten Geschlecht anzugehören (mehr dazu später). "Geschlecht" kann sich dabei sowohl auf das wahrgenommene biologische Geschlecht als auch auf zugeordnete soziale Verhaltensmuster beziehen.


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Soziale Geschlechtsmerkmale


Soziale Verhaltensmerkmale sind Merkmale der Interaktion mit anderen Personen, können also nur in einem sozialen Umfeld auftreten. Wegen der uferlosen Menge an Details, die man bei sozialen Interaktionen beobachten kann, handelt es sich hier i.d.R. um stark abstrahierende Muster, die nur einzelne, mehr oder weniger willkürlich gewählte Aspekte betreffen. Ein bestimmtes Verhaltensmuster kann bei der gleichen Person mehr oder weniger regelmäßig und unterschiedlich stark ausgeprägt auftreten.

Definitorische Probleme sozialer Geschlechtsmerkmale

Die psychischen und vor allem die sozialen Geschlechtsmerkmale haben zwei prinzipielle definitorische Probleme:

1. Korrelation mit biologischen Merkmalen: Viele wichtige psychische und soziale Merkmalsausprägungen korrelieren stark mit biologischen Merkmalsausprägungen; es ist plausibel, die biologischen Merkmalsunterschiede als Ursache der psychischen bzw. Verhaltensunterschiede anzusehen. Beispiele sind:

  • direkt oder indirekt mit reproduktiven Vorgängen (Gebären, Stillen etc.) zusammenhängendes Verhalten
  • durch unterschiedliche Körpermerkmale (z.B. Kraft) begründete Verhaltensunterschiede
  • durch sexuelle Attraktion begründete Verhaltensunterschiede gegenüber Personen anderen Geschlechts
  • intrasexuelle Konkurrenz, also Konkurrenzverhalten und -Kämpfe zwischen Angehörigen desselben Geschlechts; diese spielen eine zentrale Rolle bei der intrasexuellen Selektion, die bei allen sexualdimorphen Lebewesen zu beobachten ist und die daher als grundlegender biologischer Wirkmechanismus anzusehen ist. Die intrasexuelle Konkurrenz ist komplementär zur heterosexuellen sexuellen Attraktion, allerdings nicht ohne weiteres physisch meßbar und daher hier als Verhaltensmerkmal klassifiziert.
2. Vorhergehende biologische Klassifikation: Vor allem die sozialen Geschlechtsmerkmale unterstellen regelmäßig eine vorherige biologische Klassifikation aller Individuen als Männer bzw. Frauen, also anhand des wahrgenommenen biologischen Geschlechts. Beispielsweise kann man Individuen anhand der ausgeübten Sportarten oder dem Fleisch(nicht)konsum klassifizieren; diese Verhaltensmerkmale korrelieren aber nicht mit dem biologischen Geschlecht, daher werden sie nicht als Geschlechtsmerkmale angesehen. Verhaltensmerkmale werden üblicherweise nur dann als Geschlechtsmerkmale verstanden, wenn ihre Ausprägungen bei Männern und Frauen statistisch signifikant verschieden verteilt sind.


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Soziale Geschlechter


Merkmal: Gender

Der Begriff "Gender" wird sehr oft informell als soziales Analogon zum biologischen Geschlecht definiert, also als Klassifikation von Personen anhand von sozialen, geschlechtsspezifischen Verhaltensmerkmalen (und implizit einer vorhergehenden biologischen Klassifikation). Dieser Definitionsansatz zur Bildung von Geschlechtskategorien scheitert in der Praxis aber regelmäßig an der unüberschaubaren Menge von Verhaltensarten.

Abweichend von dem vorstehenden empirischen Gender-Begriff wird "Gender" in großen Teilen der feministischen Literatur als sozialer Wirkmechanismus definiert, der geschlechtsspezifisches Sozialverhalten erzeugt (mehr dazu später).

Beide Begriffe sind insofern soziologisch, als sie von Sozialverhalten handeln und in erster Linie mit soziologischen Methoden beschrieben und untersucht werden müssen.



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Biologische Geschlechtsbegriffe im Detail

Grundlegende biologische Geschlechtsbegriffe


Die grundlegenden biologischen Geschlechtsbegriffe beruhen alle auf Körpermerkmalen, die für die Reproduktion relevant sind, weil sie dort eine wesentliche, teilweise unverzichtbare Funktion haben. Die Ausprägungen dieser Merkmale sind durchweg
  • objektiv meßbar (diagnostizierbar)
  • in einigen besonders wichtigen Fällen diskret, also ein Wert aus einer endlichen Menge möglicher Werte,
  • nicht auf natürlichem Wege änderbar (Veränderungen durch Unfälle, Operationen oder sonstige Eingriffe werden hier nicht betrachtet)
Den Prozeß der Ausbildung der Geschlechtsmerkmale nennt man Geschlechtsdetermination. Beim Menschen ist die Geschlechtsdetermination grundsätzlich genetisch bzw. chromosomal gesteuert. Hierbei sind folgende Abschnitte wesentlich:
  1. Zunächst ist im Embryo nur das chromosomale oder genetische Geschlecht manifestiert. Entscheidend hierfür ist der Hoden-determinierende Faktor. Dies ist ein Protein, welches von dem SRY-Gen codiert wird. Das SRY-Gen befindet sich normalerweise auf dem Y-Chromosom.
  2. Im Embryo ist anfangs nur eine undifferenzierte Gonadenanlage vorhanden. Das Vorhandensein des Hoden-determinierenden Faktors führt ab der 7. Woche der Entwicklung dazu, daß sich hieraus Hoden entwickeln. Andernfalls entwickeln sich hieraus Ovarien. Sobald entschieden ist, welche Keimdrüse (Gonade; entweder Eierstock oder Hoden) gebildet wird, kann man von einem gonadalen Geschlecht reden.
  3. Sofern keine Störungen eintreten, produzieren die Keimdrüsen unterschiedliche Sexualhormone. Diese steuern ihrerseits an vielen Stellen die weitere Entwicklung des Embryos und führen zur Ausbildung eines männlichen oder weiblichen Phänotyps, der sich in primären, sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen darstellt.
  4. Schon bei der Geburt vorhanden sind die primären Geschlechtsmerkmale. Hierzu zählen die Geschlechtsorgane, die direkt in die Fortpflanzung involviert sind, u.a. die Vagina, die Ovarien, Uterus, Hoden und der Penis.
  5. Sekundäre Geschlechtsmerkmale bilden sich erst nach der Geschlechtsreife aus, z.B. die weibliche Brust oder männlicher Bartwuchs. Sie sind nicht direkt notwendig für die Fortpflanzungsfähigkeit, sie sind aber relevant für die sexuelle Attraktivität und Konkurrenzfähigkeit sowie die Kinderaufzucht.
(Anmerkung: der Begriff "Merkmal" wird hier oft nicht im normalen Sinn benutzt - ein Merkmal im Sinne einer Eigenschaft ist bei allen Individuen vorhanden - sondern steht für eine Eigenschaft mit den Ausprägungen "vorhanden" und "nicht vorhanden"; bei der Ausprägung "vorhanden" sagt man, das Merkmal sei vorhanden.)

Zu den tertiären Geschlechtsmerkmalen zählen körperliche Merkmale, die nicht zu den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen gehören, sowie geschlechtstypische Verhaltensmerkmale.

Fortpflanzungsfähigkeit

Die vorstehenden detaillierten Geschlechtsbegriffe sind in den meisten Kontexten uninteressant: Entscheidend ist in vielen Fällen alleine das Merkmal (biologische) Fortpflanzungsfähigkeit. Bei der Fortpflanzung sind nur 2 Rollen relevant, Eiproduzent bzw. Samenproduzent. Voraussetzung hierfür ist das Vorhandensein entsprechender Organe (primäre Geschlechtsmerkmale). Das Merkmal Fortpflanzungsfähigkeit, das man auch als reproduktives Geschlecht bezeichnen kann, ist somit diskret, nominalskaliert und hat 3 Werte: "fortpflanzungsfähig (Mann)", "fortpflanzungsfähig (Frau)", "nicht fortpflanzungsfähig".

Tertiäre Geschlechtsmerkmale

Die Literatur über menschliche Geschlechtsunterschiede - wovon die meisten tertiäre Geschlechtsmerkmale betreffen - ist kaum überschaubar. Eine extrem umfangreiche Metastudie, die rund 18000 Einzelpublikationen abdeckt, ist Geary (2009). Weitere kompaktere Listen von Unterschieden und zugehörigen Publikationen finden sich in den anschließenden Quellenangaben.

Die meisten Details sind für die Zwecke dieses Glossars nicht relevant, weil sie nicht von Menschen wahrnehmbar sind.

Literatur zu biologischen und psychologischen Geschlechtsunterschieden

1. Metastudien und Übersichtslisten

2. Monographien, Lehrbücher

3. Sonstige



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Wahrgenommenes biologisches Geschlecht (Phänotyp)


Wahrnehmbare biologische Geschlechtsmerkmale

Viele biologische Geschlechtsmerkmale einer Person sind für andere Personen mit deren Sinnesorganen nicht wahrnehmbar, z.B. Gene, Hormonpegel, innenliegende primäre Geschlechtsorgane etc.

Mit menschlichen Sinnesorganen (also vor allem optisch oder akustisch) wahrnehmbare biologische Geschlechtsmerkmale sind vor allem sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale, z.B. Körpergröße, Körperform, weibliche Brust, Bartwuchs bzw. allgemeiner Behaarung, Gesichtszüge, Stimmlage u.v.a.

Die Ausprägungen der wahrnehmbaren biologischen Geschlechtsmerkmale korrelieren sehr stark untereinander (weibliche Brust vorhanden korreliert stark mit kein Penis vorhanden und hohe Stimme) und mit dem gonadalen Geschlecht.

Wahrnehmbare biologische Geschlechter

Mathematisch kann man diese wahrnehmbaren Merkmale als Dimensionen eines Vektorraums auffassen. Wenn man eine repräsentative Menge von Personen als Vektoren in diesem Vektorraum abbildet, findet eine Clusteranalyse zwei große Cluster, die den klassischen biologischen Geschlechtern Mann und Frau entsprechen.

Ein Cluster (Synonym: Ähnlichkeitsgruppe) ist eine Gruppe von Vektoren, die untereinander sehr ähnlich sind und unähnlich zu Vektoren außerhalb des Clusters sind. Eine Clusteranalyse findet solche Ähnlichkeitsgruppen (im Gegensatz dazu geht eine Klassifizierung von vorher bekannten Klassen und deren Beschreibung aus und ordnet Individuen den Klassen zu). Eine Clusteranalyse wird daher auch als automatisierte Klassifizierung bezeichnet. Die Anzahl der gefundenen Cluster liegt nicht vorab fest, sondern hängt vom Datenbestand ab. Die gefundenen Cluster haben zunächst keine Namen und müssen, sofern daran Interesse besteht, nachträglich benannt werden, d.h. soziale bzw. linguistische Einflüsse sind bei der Bildung der Cluster ausgeschlossen, während die konkreten Bezeichnungen zufällig oder sozial beeinflußt bestimmt werden.

Die beiden vorgefundenen Cluster korrelieren sehr stark mit der Fortpflanzungsfähigkeit in der Rolle als Eiproduzent ("Frau") bzw. Samenproduzent ("Mann"), der eigentlich interessanten Eigenschaft für Individuen, die einen Partner zur Fortpflanzung suchen. Diese beiden Cluster werden ebenfalls oft mit den linguistischen Termen "männlicher Phänotyp" und "weiblicher Phänotyp" bezeichnet. Unter Phänotyp oder Erscheinungsbild versteht man die kombinierten Ausprägungen aller Geschlechtsmerkmale in ihrer Gesamtheit, wobei das "-typ" in Phänotyp andeutet, daß hier nicht Einzelfälle gemeint sind, sondern Ähnlichkeitsgruppen. Beim Begriff Phänotyp werden auch Verhaltensmerkmale einbezogen. Wir beschränken uns hier auf biologische (anatomische) Merkmale (die nicht sozial beeinflußbar sind und die im Alltag von anderen Menschen sofort erkannt werden können) und nennen diese in ihrer Gesamtheit anatomischen Phänotyp oder wahrnehmbares biologisches Geschlecht.

Durch eine Clusteranalyse werden automatisch auch Dimensionen, also hier einzelne Merkmale von Menschen, identifiziert, in denen die Ähnlichkeitsgruppen signifikant andere Werteverteilungen haben. Dies führt zu diversen linguistischen Termen der Form "typisch männliches/weibliches X", worin X eines der meßbaren Merkmale ist, z.B. Körpergröße, Taille-Hüfte-Verhältnis usw.

Durchführung von Clusteranalysen

Clusteranalysen werden in allen möglichen Kontexten durchgeführt und sind im Prinzip mathematische Verfahren, die beliebige Rohdaten nach Ähnlichkeitsgruppen durchsuchen. Clusteranalyse ist allerdings auch eine grundlegende menschliche Intelligenzleistung: sie beruht auf der Fähigkeit, beliebige Phänomene zu vergleichen, Ähnlichkeiten zu erkennen und ähnliche Beobachtungen zu gruppieren. Alle biologischen Klassifikationssysteme beruhen auf Clusteranalysen real vorgefundener Lebensformen. Sogar Kinder können schon mit ca. 2 Jahren Erwachsene als Männer und Frauen klassifizieren, d.h. diese Intelligenzleistung ist nicht durch Schulung oder andere soziale Einflüsse erlernt worden, sondern von Natur aus vorhanden und verläuft oft unbewußt, z.B. bei der Bildung von Stereotypen.


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Sexuelle Attraktion


Sexuelle Attraktion ist ein gut beobachtbares Merkmal von erwachsenen (geschlechtsreifen) Menschen. Man bildet typischerweise zwei grundlegende linguistische Terme, um die "sexuelle Angezogenheit" zu klassifizieren: Weit gefaßt drücken beide Begriffe aus, daß jemand Männer bzw. Frauen als "schön", "anziehend" oder "erregend", genereller gesagt als attraktiv hinsichtlich seiner romantischen, emotionalen und sexuellen Interessen empfindet. In einem engeren Sinne löst Sicht- oder Körperkontakt mit Männern bzw. Frauen, also Trägern des attraktiven Phänotyps, eine medizinisch meßbare sexuelle Erregung aus, z.B. Erektionen (Penis, Brustwarzen) oder Hormonausschüttungen.

Die Begriffe androphil bzw. gynophil sind insofern linguistische Terme, als das Ausmaß ihres Zutreffens erheblich schwanken kann.

Beide Merkmale können bei einer Person zugleich zutreffen, die dann als "bisexuell" bezeichnet wird. Wenn eines der beiden Merkmale nur sehr schwach ausgeprägt ist, manifestiert es sich i.a. nicht durch Verhalten und wird auch subjektiv nicht wahrgenommen. Gleichzeitige Androphilie und Gynophilie in medizinisch meßbarer Stärke tritt nur sehr selten auf (s. Statistische Häufigkeit von Bisexualität in westlichen Industrieländern).

Der weit überwiegende Normalfall ist die Attraktion nur durch Personen des anderen Geschlechts (Heterosexualität). ferner mit einem Anteil von ca. 1 - 3 % Attraktion nur durch Personen des gleichen Geschlechts (Homosexualität).

Sexuelle Attraktion darf nicht verwechselt werden mit dem Begriff "sexuelle Attraktivität"; dieser bezieht sich auf die "andere" Person, die die Attraktion auslöst.

Die sexuelle Attraktion manifestiert sich zwar erst während der Pubertät in vollem Umfang, namentlich die medizinisch nachweisbaren Effekte wie Erektionen oder Hormonsausschüttungen. Nach heutigen Wissensstand ist sie dennoch nicht frei wählbar oder später änderbar, sondern im Sinne einer Veranlagung biologisch bestimmt.

Sexuelle Attraktion als Informationsverarbeitung

Sexuelle Reaktionen eines Menschen auf sexuelle Reize sind letztlich unterbewußte Informationsverarbeitungen des Gehirns (auf Basis der "Rohdaten" aller Sinnesorgane). Da Männer- und Frauengehirne statisisch deutliche Unterschiede auffweisen, geht man davon aus, daß die sexuelle Attraktion i.w. durch Gehirnstrukturen festgelegt ist. Die genauen Vorgänge sind aber nicht wirklich verstanden.

Unklar ist ferner, ob die androphilen bzw. gynophilen Gehirnstrukturen genetisch bestimmt sind oder durch Einflüsse u.a. der Mutter auf den Fötus oder schlicht Zufälle entstehen.

Konsens besteht dahingehend, daß diese Gehirnstrukturen nach der Geburt nicht mehr auf natürlichem Weg änderbar sind. Dieser Wissensstand wird vor allem aus ideologischen Motiven von radikalkonservativen bzw. religiös geprägten und von radikalfeministischen Akteuren attackiert: die einen würden gerne Homosexuelle von ihrer "unnatürlichen" sexuellen Attraktion "heilen", die anderen die Heterosexuellen aus ihrer heterosexuellen Matrix "befreien".

Unter der Annahme, daß die sexuelle Attraktion biologisch festliegt, ist an der Hetero- und Homosexualität besonders bemerkenswert, daß eines der beiden wahrnehmbaren biologischen Geschlechter keine Attraktion auslöst oder anders gesagt die beiden Geschlechter unterschiedliche Wirkungen erzeugen. Dies bedingt wiederum,

  • daß die Fähigkeit vorhanden sein muß, andere Menschen anhand der wahrnehmbaren biologischen Geschlechtsmerkmale in die beiden Hauptcluster Männer und Frauen zu klassifizieren - dies ist eine elementare Intelligenzleistung;
  • daß es biologisch fixiert ist, welche Ausprägungen von wahrnehmbaren biologischen Geschlechtsmerkmalen "attraktiv" (Attraktion auslösend) sind.
D.h. sowohl die Unterscheidungsfähigkeit als auch das "Schönheitsempfinden" sind biologisch verankert, beide brauchen nicht erlernt zu werden und können im Normalfall nicht verlernt oder unterdrückt werden.

Die Fähigkeit, andere Individuen anhand der wahrnehmbaren biologischen Geschlechtsmerkmale als geeigneten oder ungeeigneten Partner zur Fortpflanzung (oder andernfalls als intrasexuellen Konkurrenten) einzuschätzen, ist offensichtlich sehr wichtig, um den eigenen Reproduktionserfolg sicherzustellen. Insofern ist es plausibel, daß diese Fähigkeit gut ausgeprägt ist.

Sexuelle Attraktion als grundlegender Begriff

Die sexuelle Attraktion wird oft als grundlegender Begriff zur Beschreibung von Sexualität oder Geschlecht angesehen, was aber offensichtlich nicht stimmt: In der Definition haben wir bereits die Begriffe "Mann" und "Frau" benutzt. Bei diesen Hilfsbegriffen kann es sich nur um die beiden wahrnehmbaren biologischen Geschlechter handeln.

Man kann allerdings fragen, ob eine Gesamtklassifikation anderer Personen als Mann oder Frau notwendig ist oder ob die sexuelle Attraktion schon von einzelnen beobachtbaren Merkmalen verursacht wird. Beispielsweise wächst manchen Männern durch eine hormonelle Störung oder als Folge einer hormonellen Prostatakrebstherapie eine weibliche Brust. Deswegen werden diese Männer aber von Gynophilen nicht als sexuell attraktiv angesehen. D.h. es müssen i.a. mehrere beobachtbare Merkmale konsistent typisch männliche bzw. weibliche Ausprägungen haben, um eine sexuelle Erregung bzw. Attraktion auszulösen.

Hetero- und Homosexualität

Auf dem Begriff der sexuellen Attraktion bauen zwei weitere zentrale Begriffe auf: Hetero- und Homosexualität. Als heterosexuell werden Personen bezeichnet, bei denen das wahrgenommene Geschlecht, das sexuell attraktiv ist, anders das "eigene Geschlecht" ist. Als homosexuell werden Personen bezeichnet, bei denen das wahrgenommene Geschlecht, das sexuell attraktiv ist, das gleiche wie das eigene Geschlecht ist. "homosexuell" wird oft nur für biologische Männer verwendet, homosexuelle Frauen werden meist als lesbisch bezeichnet.

Diese übliche Definition von Hetero- und Homosexualität ist in mehrerer Hinsicht tückisch. Das "wahrgenommene Geschlecht, das sexuell attraktiv ist," hat nur Ausprägungen in Form linguistischer Terme, ist also kein nominalskaliertes Merkmal anderer Personen. Damit sind auch die Begriffe hetero- bzw. homosexuell unscharf und werden am besten ebenfalls als linguistische Terme verstanden, können also auf eine Person in verschiedenem Grad zutreffen.

Die Definition von Hetero- und Homosexualität ist ferner ziemlich unklar dahingehend, was das "eigene Geschlecht" ist. In den meisten Fällen wird darunter das biologische Geschlecht verstanden, genauer gesagt im Sinne des reproduktiven Geschlechts (Mann bzw. Frau). Begrifflich führt dies zu Problemen:

  • Die biologischen Geschlechter sind nominalskaliert, sind also insb. eindeutige Merkmale, und haben neben den häufigsten Ausprägungen "männlich" und "weiblich" weitere Ausprägungen, die selten auftreten.
  • Die wahrnehmbaren biologischen Geschlechter haben dagegen nur zwei Hauptcluster.
Als Konsequenz sind die Begriffe Hetero- und Homosexualität in dieser Begriffsvariante nicht sinnvoll anwendbar in Fällen, wo das eigene Geschlecht kein übliches biologisches Geschlecht ist.

Wenn man "eigenes Geschlecht" als wahrgenommenes biologisches Geschlecht versteht, steht man vor dem Problem, daß beides nur linguistische Terme sind, die mehr oder weniger zutreffen können. Hier ist ohne zusätzlichen definitorischen Aufwand unklar, was mit "gleichem" oder "verschiedenem" Geschlecht tatsächlich gemeint ist,

Zusammenfassung und Konsequenzen

Für jede sexualdimorphe Spezies ist sexuelle Attraktion in Form der Heterosexualität überlebensnotwendig. Sexuelle Attraktion muß nicht eigens erlernt werden, sondern automatisch vorhanden. Ferner ist intrasexuelle Konkurrenz ein Standardverhalten gegenüber Individuen mit dem gleichen wahrnehmbaren biologischen Geschlecht. Beides impliziert, daß folgende Fähigkeiten bzw. Merkmale biologisch angelegt und nicht abschaltbar sind:
  1. die Fähigkeit, anhand wahrnehmbarer biologischer Geschlechtsmerkmale Männer und Frauen zu unterscheiden und unterschiedlich viel Attraktion zu empfinden,
  2. eine grundsätzliche Disposition, sich den beiden wahrnehmbaren biologischen Geschlechtern gegenüber verschieden zu verhalten, entweder werbend, auf sexuelle Kontakte zielend, oder konkurrierend.
Diese Disposition ist nicht zeitlich oder örtlich auf bestimmte Kontexte beschränkt, sondern prinzipiell immer vorhanden (ob sie sich in beobachtbarem Verhalten manifestiert und wenn ja, welchem, hängt von vielen weiteren Umständen ab; je ziviler eine Gesellschaft ist, desto mehr wird "triebgesteuertes" Verhalten unterdrückt). Sie ist aber nicht das Ergebnis sozialer Prozesse wie andere Lernvorgänge.

D.h. obwohl sexuelle Attraktion und die intrasexuelle Konkurrenz in hohem Maße das Verhalten gegenüber anderen Individuen steuern und zu geschlechtsbezogenen Verhaltensdifferenzen führen, ist dies kein sozial erlerntes Verhalten, und die Verhaltensdifferenzen sind biologisch verankert.

Die Messung bzw. Feststellung der sexuellen Attraktion kann in Laborumgebungen durch die medizinische Beobachtung von Körperreaktionen erfolgen. Im Alltag bzw. in wenig entwickelten Gesellschaften sind derartige relativ präzise Messungen nicht realisierbar. Daher werden vor allem die leicht beobachtbaren Verhaltensformen zur Messung herangezogen, auch wenn sie relativ unsichere Ergebnisse liefern. Der große Meßfehler solcher ungenauen Verfahren sollte aber nicht damit verwechselt werden, daß das beobachtete Phänomen gar nicht vorhanden ist.



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Psychologische Geschlechtsbegriffe

Sexuelle Identität


Unter sexueller Identität oder auch sexuellem Selbstkonzept versteht man das "Geschlecht", dem sich ein Individuum selber zuordnet. Teilweise werden auch die Bezeichnungen Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung für sehr ähnliche Phänomene verwendet. Die Bezeichnung sexuelle Orientierung wird meist für einen umfassenderen Begriff verwendet, der neben der sexuellen Identität auch die sexuelle Attraktion beinhaltet. Wir verwenden i.f. nur die Bezeichnung sexuelle Identität.

Zeitliche Entwicklung der sexuellen Identität

Das Phänomen "sexuelle Identität" tritt bei allen Menschen ab einem gewissen Alter auf, ist also mit dieser zeitlichen Einschränkung ein generelles Personenmerkmal. Auf die Probleme bei der Bestimmung der Ausprägungen dieses Merkmals gehen wir später ein.

Die eigene Zuordnung zu einem wahrgenommenen biologischen Geschlecht gilt als zentral für die Persönlichkeitsentwicklung von Menschen. Sie setzt bereits mit ca. 2 Jahren ein und zielt darauf, sich einem der beiden wahrgenommenen biologischen Geschlechter zugehörig zu fühlen und Personen des "gleichen Geschlechts" gegenüber mehr Gemeinsamkeiten zu empfinden als Personen des "anderen Geschlechts". Die initiale Bildung eines Selbstkonzepts ist mit ca. 4 Jahren, also lange vor der Pubertät, weit fortgeschritten. Sie führt bereits in diesem jungen Alter zu ersten Verhaltensdifferenzen den beiden wahrgenommenen biologischen Geschlechtern gegenüber (s. Klein (1999), Wagner (2013)).

Das eigene Geschlecht wird üblicherweise anhand des wahrgenommenen eigenen biologischen Geschlechts bestimmt. Die Kleinkinder selber können das bei sich selber, wenn wir von kulturellen Markierungen absehen, äußerlich nur am Vorhanden- oder Nichtvorhandensein eines Penis festmachen, die anderen Geschlechtsmerkmale sind bei Kindern zu wenig ausgeprägt. Diese Körperregion ist aber in allen entwickelten Kulturen bei Erwachsenen durch Kleidung verdeckt. Daher wird bei kleinen Kindern die eigene Zuordnung zu einem der wahrgenommenen biologischen Geschlechter erheblich durch Beeinflussung von außen bestimmt und kann entgegengesetzt zum biologischen Geschlecht sein. Erst mit höherem Wissensstand (ca. 10 Jahre Alter) und deutlicher ausgeprägten Körpermerkmalen (also mit Eintritt der Pubertät) kann sich ein heranwachsendes Kind selber einem der wahrgenommenen biologischen Geschlechter zuverlässig zuordnen (s. Asendorpf / Neyer (2012), Kap. 7.2.3 Entwicklung des Geschlechtsverständnisses).

Das Selbstkonzept kann generell nicht anhand biologischer Meßverfahren bestimmt werden, hierfür kommen eher psychologische Methoden infrage. Problematisch ist die geringe Sprachkompetenz in diesem Alter.

Probleme der Begriffsdefinition

In den ersten Lebensjahren wird zwar schon eine sexuelle Identität gebildet, aber auf Basis einer sehr simplen Begriffsdefinition: man ordnet sich einem der beiden wahrgenommenen biologischen Geschlechter zu. Mit wachsendem Alter treten wesentlich kompliziertere Vorstellungen von der eigenen sexuellen Identität auf. Wenn man versucht, all diese Vorstellungen abzudecken, ufert der Begriff sexuelle Identität zu einem der kompliziertesten in der Geschlechterdebatte aus. Im allgemeinen Sprachgebrauch und in den diversen Quellen finden sich unterschiedliche Definitionen, es herrscht im Endeffekt kein Konsens darüber, was unter sexueller Identität genau zu verstehen ist. Gründe hierfür sind:
  1. Die sexuelle Identität einer Person (also die konkrete Ausprägung des Merkmals "sexuelle Identität") äußert sich nicht in biologischen, objektiv meßbaren Merkmalen. Zwei grundlegende "Meßmethoden" bieten sich als Alternative an:

    1. Man fragt die Person, welcher Identität sie sich selber zuordnet. Da die sexuelle Identität letztlich mit psychologischen Methoden gemessen wird, handelt es sich hier um einen psychologischen Geschlechtsbegriff.
    2. Man beobachtet das Sozialverhalten und klassifiziert dieses als typisch männlich, weiblich oder was auch immer (ohne Berücksichtigung des anatomischen Phänotyps).
    Je nach der unterstellten "Meßmethode" kommt man zu unterschiedlichen, ggf. sehr großen Mengen möglicher Ausprägungen.
  2. Es ist unklar, welcher Geschlechtsbegriff bei "Geschlecht" (dem man sich zuordnet), "sexuell" bzw. "Sexualität" unterstellt wird. Denkbare Bezüge sind einzelne oder mehrere kombinierte Ausprägungen der folgenden Merkmale:

    • das Vorhandensein der primären, unmittelbar für die Fortpflanzung benötigten Geschlechtsorgane (hier wird eine rein biologische Definition des Begriffs "Sex" unterstellt, nämlich i.w. der Zeugungsakt)
    • das Vorhandensein diverser sekundärer oder tertiärer Geschlechtsmerkmale
    • die sexuelle Attraktion (in diesem Fall hätten z.B. hetero- bzw. homosexuelle Männer verschiedene sexuelle Identitäten)
    • die Ausübung bestimmter sexueller Praktiken
    • als typisch männlich bzw. weiblich geltendes soziales Verhalten, z.B. Tragen bestimmter Kleidung - an dieser Stelle treten alle Probleme auf, die man bei der Definition sozialer Geschlechtsbegriffe hat; diese werden weiter unten diskutiert.
    Die ersten drei Beispiele sind biologisch begründete Merkmale. Da diese von Natur aus vorgegeben sind, kann sich man sich durch Selbstbeobachtung klassifizieren, das "Zuordnen zu einem biologischen Geschlecht" ist dann passiv und beobachtend.

    Im Gegensatz dazu ist bei den sozialen Merkmalen von Natur aus nichts vorgegeben, und es ist immer eine mehr oder weniger explizite Entscheidung für das "Zuordnen zu einem Geschlecht" notwendig, wobei der Entscheidungsspielraum durch die sozialen Verhältnisse wesentlich beeinflußt wird.

  3. Der Begriff sexuelle Identität unterstellt intuitiv, daß eine Person autonom sich selber ein "Geschlecht" zuordnet, ohne jemand anderen zu fragen oder um Zustimmung zu bitten. In vielen Fällen geht es aber auch darum, daß andere Personen aus dem sozialen Umfeld diese Zuordnung vornehmen und die Person entsprechend behandeln, weil die Vorstellung, dem gewünschten Geschlecht zugeordnet zu sein, sonst nicht aufrechterhalten werden kann. Sexuelle Identität stellt sich dann als eine Erwartungshaltung an das soziale Umfeld dar, in bestimmter Weise behandelt zu werden (und z.B. mit kuriosen Pronomen angesprochen zu werden oder besondere soziale Anerkennung zu erfahren, die ggf. unter Mißbrauch des Begriffs Toleranz eingefordert wird).
In politischen Debatten wird der Begriff sexuelle Identität meistens im Zusammenhang mit einer Bedrohung derselben benutzt. Beispielsweise sprechen die Bildungspläne 2016 von Baden-Württemberg davon, "es jungen Menschen zu ermöglichen, die eigene Identität zu finden und sich frei und ohne Angst vor Diskriminierung zu artikulieren", insb. hinsichtlich ihrer "geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung". Die unspezifische Angst vor Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Identität kann nur die sexuelle Identität von Minderheiten betreffen - die Mehrheit diskriminiert sich nicht selbst -, die sich für Außenstehende i.w. durch sexuelle Praktiken beschreiben läßt.

Transidentität

Als transident bezeichnet man Personen, deren sexuelle Identität nicht identisch ist mit ihrem eigenen wahrnehmbaren biologischen Geschlecht. Die Bezeichnung transsexuell wird oft als Synonym benutzt, allerdings ist die sexuelle Attraktion unabhängig von der sexuellen Identität und der Begriff transsexuell eher irreführend.

Transidente Personen wollen als Angehörige des jeweils anderen wahrnehmbaren biologischen Geschlechts wahrgenommen werden und versuchen in vielen Fällen, ihre wahrnehmbaren Geschlechtsmerkmale durch hormonelle oder operative Verfahren an das andere Geschlecht anzugleichen.

Sexuelle Identität als biologisch begründetes Phänomen

Geschlechtsumwandlungen sind medizinisch aufwendige, teure und teilweise gefährliche Behandlungen. Sie werden damit rechtfertigt, die eigene sexuelle Identität sei biologisch festgelegt und das Problem nicht durch psychotherapeutische Maßnahmen lösbar. Um die biologische Alternativlosigkeit zu betonen, werden oft Begriffe wie "Gehirngeschlecht" oder "Frauengehirn" benutzt (in einem anderen Kontext spricht z.B. auch Baron-Cohen (2006) von einem männlichen und einem weiblichen Gehirn).

Die These, die sexuelle Identität sei ein biologisch begründetes Phänomen, steht vor dem großen Problem zu klären, welche Definition von Geschlecht bei dem Wunschgeschlecht zugrundegelegt wird und welche Ausprägungen gewünscht werden können, und zu erklären, wie diese Fixierung biologisch funktionieren könnte. Zumindest bei den sozialen Geschlechtsbegriffen, die oft unüberschaubar viele, kulturell bedingte Ausprägungen haben und die oft auf schwammigen Begriffen wie Geschlechterrollen basieren, ist eine biologische Festlegung kaum vorstellbar. Außerdem ist die Abgrenzung zu psychologisch verursachten Störungen der Geschlechtsidentität (ICD -10-GM-2016 F64.-) schwierig.

Sofern überhaupt ein Trieb oder eine biologisch begründete Veranlagung existiert, eine bestimmte sexuelle Identität zu haben (oder haben zu wollen), müßte er eigentlich auch bei normalen, nicht-transidenten Personen vorhanden sein. Bei nicht transidenten Personen kann man die sexuelle Identität als einfaches Beobachtungsergebnis erklären: Man stellt fest, daß man einem bestimmten wahrgenommenen biologischen Geschlecht entspricht und nimmt dies sozusagen passiv zur Kenntnis. Man muß nichts unternehmen, um diesen Zustand herzustellen. Ein biologischer Trieb, diesen Zustand unbedingt genauso haben zu wollen, wird als Erklärung der sexuellen Identität nicht benötigt. Ein biologischer Trieb würde bei einer normalen Person erst dann sichtbar werden, wenn man sie dazu zwingen würde, die äußere Erscheinung des anderen wahrgenommenen biologischen Geschlechts anzunehmen, und wenn sie sich dann dagegen wehren würde. Ein solcher massenhaft angewandter äußerer Zwang (der weit über karnevalistische Travestiespäße hinausgehen müßte) existiert aber in keiner Gesellschaft.



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Soziologische Geschlechtsbegriffe

Gender - Übersicht über die Begriffsvarianten


Wie schon in der Einleitung an Beispielen gezeigt, wird der Begriff Gender mit extrem verschiedenen Definitionen benutzt, die mehr oder weniger entfernt mit Sozialverhalten bzw. sozialer Rolle zu tun haben.

Ein erster Grund für die Konfusionen ist die unpassende (sozusagen falsche) Verwendung des Bezeichners "Gender" für den Begriff "biologisches Geschlecht" (bzw. "Sex"), z.B. in Gender-Medizin oder Gender-Mainstreaming, oder für "Geschlecht" als Oberbegriff. Dies sind - wenn keine Absicht dahinter steht - sozusagen redaktionelle Mängel, man kann sie theoretisch leicht beheben, indem man für einen bestimmten Begriff (in Sinne einer Definition) überall einheitlich den gleichen Bezeichner verwendet, was wir i.f. voraussetzen.

Die komplizierteren inhaltlichen Definitionsunterschiede kommen - wie auch sonst - daher, daß ein sehr abstrakter Begriff in verschiedenen Kontexten unterschiedlich konkretisiert wird. In diesen Kontexten dient der Begriff "Gender" jeweils anderen Zwecken und steht mit anderen Begriffen in Verbindung:

  • Der Begriff "Gender" stammt aus der Sprachforschung und bezeichnet dort das grammatische Geschlecht (Genus) von Substantiven. Im Deutschen sind dies die Ausprägungen "Maskulinum (Androgynum)", "Femininum" und "Neutrum". Ein Zusammenhang zwischen grammatischen Geschlecht und Sozialverhalten wird nur in der weitgehend widerlegten Sapir-Whorf-Hypothese behauptet. Daher betrachten wir diesen Begriff hier nicht weiter.
  • Der Begriff "Gender" wird vielfach als Synonym für die persönliche sexuelle Orientierung benutzt, z.B. bei den berühmten über 60 Geschlechtern bei Facebook. "Sexuelle Orientierung" umfaßt hier ein unklares Konglomerat von Merkmalen:
    • biologische Merkmale, insb. die sexuelle Attraktion,
    • psychologische Merkmale wie die sexuelle Identität,
    • soziale Merkmale, z.B. das Paarungsverhalten
    sowie weitere, eher unklar definierte und nur für Eingeweihte verständliche Merkmale. Zweck dieser Begriffe ist primär die Selbstdarstellung, die Selektion passender Beziehungspartner und die Formulierung von Anweisungen an die Umwelt, z.B. mit bestimmten Pronomen bezeichnet zu werden.
  • Der Begriff "Gender" wird sehr oft informell als soziales Analogon zum biologischen Geschlecht definiert und wäre dann eine empirische Klassifikation beobachtbaren geschlechtsspezifischen Sozialverhaltens. Mehr Details dazu im nächsten Abschnitt.
  • Der Begriff "Gender" wird in großen Teilen der Gender Studies und feministischen Ideologie normativ verstanden. Hierbei wird ein grundsätzlich anderes Modell der Realität unterstellt, in dem "Gender" ein Machtinstrument zur Durchsetzung von Diskriminierungen ist. Mehr Details dazu weiter unten.


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Der empirische Gender-Begriff


Gender als empirische Klassifikation beobachtbaren geschlechtsspezifischen Sozialverhaltens

Der empirische Begriff "Sex" unterstellt eine naturwissenschaftliche Denkweise und die Absicht, eine vorhandene Realität möglichst genau zu beschreiben, indem durch empirische Methoden möglichst präzise Modelle der Realität entwickelt werden. Analog kann man einen empirischen Begriff "Gender" verstehen als beobachtbares Merkmal von Personen mit mehreren unterschiedlichen Ausprägungen. Ausprägungen dieses Merkmals sind bestimmte Kategorien von beobachtbarem, geschlechtsbezogenem Sozialverhalten.

Ermitteln kann man diese Kategorien mit Methoden der empirischen Sozialforschung, z.B. durch eine Clusteranalyse der beobachtbaren Verhalten (in einer bestimmten Population). Der empirische Begriff "Gender" ist also verbunden mit einer Nominalskala der Ausprägungen oder er unterstellt zumindest, daß diese Skala empirisch bestimmt werden könnte. Die Skala kann äußerlich ähnlich aussehen wie die Facebook-Skala, hat aber inhaltlich eine andere Bedeutung (die Facebook-Skala enthält viele Selbstdeklarationen, die keine empirische Relevanz haben).

Bestimmung von Ausprägungen

Zuständig für die Ermittelung der Kategorien sind empirische Sozialforscher. Die vorgefundenen Cluster sind zu benennen und bilden dann linguistische Terme. Ob und inwieweit ein linguistischer Term auf das Verhalten einer konkreten Person zutrifft, ist durch Vergleich mit den charakterisierenden Eigenschaften des Clusters zu berechnen.

Für den empirischen Gender-Begriff spielt es keine Rolle, ob Unterschiede im Sozialverhalten biologisch bestimmt oder sozial erlernt oder in Kombination von beidem entstanden sind. Entscheidend ist, daß sie in der Realität auftreten. Die oben zitierte Definition von "Gender" in der englischen Wikipedia entspricht insofern dem empirischen Gender-Begriff.

Ergänzende Literatur

  • David P. Schmitt: Statistical Abracadabra: Making Sex Differences Disappear. Psychology Today, 02.12.2015. https://www.psychologytoday.com/blog/sexual-personaliti ... sappear
    Gibt eine gut lesbare Übersicht über wichtige neue Veröffentlichungen zum Thema biologisch verursachte Differenzen im Verhalten und in Persönlichkeitsmerkmalen.


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Der normative Gender-Begriff


Gender als Verhaltensvorschrift

In allen Kulturen kann man das soziale Phänomen beobachten, daß Personen anhand ihrer beobachtbaren geschlechtsspezifischen Körpermerkmale einem der beiden beobachtbaren biologischen Geschlechter zugeordnet werden und diese beiden Kategorien von Personen rechtlich oder in sozialen Erwartungen verschieden behandelt werden - beispielsweise müssen nur Männer Wehrdienst leisten, und Männer und Frauen kleiden sich verschieden. Es wird also mehr oder weniger intensiver Druck ausgeübt, sich in bestimmter Weise unterschiedlich zu verhalten. In diesem Zusammenhang versteht man unter Begriffen wie Geschlechtsrolle oder Rolle oder Rollenmodell eine Verhaltensvorschrift (bzw. soziale Norm), zu deren Durchsetzung wiederum Macht vorhanden sein muß.

Geschlechtsrollen sind historisch relativ langfristig beobachtbare Phänomene und insofern stabil. Da in der feministischen Ideologie postuliert wird, sie seien nicht von Natur aus vorhanden, wird geschlußfolgert, sie würden sozial produziert bzw. mit Blick auf das langfristige, wiederholte Auftreten "reproduziert". Für diese Reproduktion muß man wiederum die Existenz eines gesellschaftlichen Prozesses postulieren, der die Reproduktion sicherstellt - daher werden Geschlechtsrollen oft als "prozeßhafte" Phänomene bezeichnet, denn die Rollen ändern sich im Laufe der Zit.

"Reproduktion" bezieht sich hier auf die Wiederholung von Phänomenen über wenigstens zwei Generationen hinweg. Der normative Gender-Begriff unterstellt also grundsätzlich eine historische Sichtweise. Er ist daher mit allen Problemen befrachtet, die äußeren sozialen Verhältnisse, deren psychologische Wirkungen und den Bildungsstand früherer Generationen exakt genug zu verstehen.

Thematisch kann eine Verhaltensvorschrift kleinere oder größere Lebensbereiche betreffen, sehr präzise oder nur unscharf definiert sein und mit verschiedenen Strafen und Sanktionen bei Zuwiderhandlung verbunden sein. Wie erfolgreich die Verhaltensvorschrift ist, also wie exakt das vorgeschriebene Verhalten später in der Realität bei einzelnen Personen oder im Durchschnitt beobachtet werden kann, spielt hier begrifflich keine Rolle, entscheidend ist nur die Existenz der Verhaltensvorschrift.

Der normative Gender-Begriff drückt also implizit aus, daß eine Gesellschaft Personen anhand ihrer wahrnehmbaren biologischen Geschlechter mittels einer oder mehrerer Geschlechtsrollen willkürlich zu unterschiedlichem sozialen Verhalten zwingt. Die Geschlechtsrollen sind also Machtinstrumente, mit denen Gesellschaften geformt werden und hinter denen bestimmte Akteure und Interessen bestehen. Passend dazu findet man in der feministischen Literatur oft die Behauptung, das Geschlecht / Gender würde einer Person "zugewiesen" oder sei - ggf. durch diese als Willkür empfundene Zuweisung - "sozial konstruiert" (Meissner (2008)). Judith Lorber definiert beispielsweise in dem Standard-Textbuch der Gender Studies "Gender-Paradoxien":

In meiner eigenen Arbeit spalte ich die übliche Zusammenfassung von Sex/Gender ... in drei deutlich unterschiedenen Kategorien ... - sex (Biologie, Physiologie), Sexualität (sexuelle Wünsche, sexuelle Präferenz, Orientierung, Identität) und gender (sozialer Status, Position in der sozialen Ordnung). Alle drei Kategorien sind sozial konstruiert, aber jede auf unterschiedliche Weise.
Insofern kann man sich fragen, ob "Gender" im normativen Sinne nicht eher eine Eigenschaft von Gesellschaften ist (anstatt, was normalerweise unterstellt wird, eine Eigenschaft einzelner Menschen) und welche Ausprägungen davon existieren. Bezogen auf eine Gesellschaft wäre es die Menge der Geschlechtsrollen, die in dieser Gesellschaft vorkommen. Bezogen auf eine einzelne Person wäre es die Menge der Geschlechtsrollen, die von dieser Person praktiziert werden bzw. eingehalten werden müssen.

Bestimmung der Ausprägungen von "Gender" beim normativen Gender-Begriff

Beim normativen Gender-Begriff sind dessen Ausprägungen, z.B. bestimmte Vorurteile, im Prinzip durch Analyse der Machtstrukturen einer Gesellschaft zu bestimmen, unter Einsatz von Methoden der empirischen Sozialforschung. Ob sich die Machtstrukturen in meßbaren Verhaltensunterschieden äußern, ist im Prinzip unerheblich. Häufig wird allerdings schon alleine aus der Existenz von sozialen Ungleichheiten, z.B. Gehaltsdifferenzen, monokausal auf die Existenz einer diffuser Machtstrukturen (z.B. unsichtbaren Decken) zurückgeschlossen, die genau diese Ungleichheit bzw. Diskriminierung erzeugen. Grau (2015) weist auf den "Entlarvungsgestus" dabei hin, oft hat die Argumentation auch die Qualität einer Verschörungstheorie.

Welche Gender-Ausprägungen insgesamt existieren, hängt offenbar von der Kreativität des Patriarchats ab. Ein Genderforscher braucht daher keine komplette Skala von Gender-Ausprägungen zu erstellen, sondern kann sich darauf beschränken, einzelne Diskriminierungen zu nachzuweisen. Dies erklärt den verblüffenden Befund, daß häufig von Gender als "sozialem Geschlecht" die Rede ist, aber praktisch nie konkrete Ausprägungen angegeben werden, die nicht in Wirklichkeit biologisch oder psychologisch definiert sind.

Literatur



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Das Problem der unüberschaubaren Menge von Verhaltensarten


Der empirische wie der normative Gender-Begriff beziehen sich beide auf das "Sozialverhalten" von Individuen. Offen bleibt, was damit gemeint ist. "Verhalten" ist ein nahezu beliebig weit dehnbarer Begriff. Die wichtigsten Verhaltenskategorien, in denen unterschiedliches Verhalten von Frauen und Männern zu beobachten ist und die daher in der Geschlechterdebatte wahrgenommen werden, sind:
  • direkte Reproduktionstätigkeiten: Zeugung, Vorbereitung der Geburt, Geburt, Stillen nach der Geburt,
  • Wahl von Sexualpartnern (Sex, auch ohne Zeugung)
  • Flirten, Anbahnung von sexuellen Beziehungen
  • Innenverhältnis in Beziehungen / Ehe (wer putzt wieviele Minuten pro Woche? Ist Schuheeinkaufen auch Arbeit? ...)
  • Beruf
  • Sport
  • Kleidung
  • Meinungen (wer denkt was über andere und "achtet" / "wertschätzt" die Gegenseite, ...)
usw., Zusätzlich kann man viele Unterkategorien bilden. Die Zahl der denkbaren Verhaltensarten und damit Personenmerkmale ist im Prinzip fast unbeschränkt.

Konsequenzen für den empirischen Gender-Begriff

Für einen empirischen Gender-Begriff müßte für jedes Merkmal eine Skala und ein Meßverfahren definiert werden. Oft ist unklar, wie die Skala und das Meßverfahren aussehen sollte. Was ist z.B. die "Kleidungskategorie einer Person"? Ein konkretes soziales Geschlecht wäre dann eine Kombination von je einer Verhaltenskategorie pro Merkmal. Die Zahl der denkbaren Kombinationen ist extrem hoch.

Praktisch ist also die Idee nicht realisierbar, einigermaßen genau beschreibbare soziale Geschlechter analog wie biologische Geschlechter durch empirische Verfahren zu bilden. Dies gilt nicht nur für einen wissenschaftlichen Ansatz im Forschungslabor, sondern auch im Alltag durch normale Menschen, die nur eine überschaubare Anzahl von Personen gut genug kennen. Wenn man nur 50 "Charaktere" kennt, kann man nicht unterbewußt 5.000 Geschlechtskategorien bilden.

Zusammengefaßt: Man kann ein empirisches Personenmerkmal "soziales Geschlecht" analog zum wahrnehmbaren biologischen Geschlecht postulieren, scheitert aber daran, Ausprägungen dieses Merkmals bzw. eine Skala von Ausprägungen zu bilden und entsprechende Kategorien von Personen abzugrenzen. Der Begriff ist daher sinnlos.

In der Praxis führen diese Probleme dazu, bei der Betrachtung "sozialer Geschlechter" nur eine sehr kleine, willkürlich gewählte Menge von Personenmerkmalen heranzuziehen, darunter fast immer die sexuelle Attraktion und die sexuelle Identität, also in Wirklichkeit biologische bzw. psychologische Merkmale.

Konsequenzen für den normativen Gender-Begriff

Der normative Gender-Begriff ist nicht direkt von dem Problem der nicht beherrschbaren Zahl von sozialen Geschlechtskategorien betroffen, denn er zielt ja nicht auf die Bildung solcher Kategorien, sondern behandelt nur die Ursachen (Diskriminierungen), die möglicherweise zur Bildung solcher Kategorien führen.

Indirekt ist der normative Gender-Begriff trotzdem betroffen, weil vielfach von erkennbaren Geschlechterunterschieden auf eine Diskriminierung zurückgeschlossen wird und in diesem Zusammenhang als Ausgangsbasis empirische Geschlechtskategorien gebildet werden.



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Spezielle Probleme des normativen Gender-Begriffs


Fehlende Unabhängigkeit biologischer und sozialer Verhaltensdifferenzen

Für den empirischen Gender-Begriff spielen die Ursachen geschlechtsbezogener Verhaltensunterschiede keine Rolle, denn es wird nur der Zustand, aber nicht dessen Entstehung beschrieben (im Prinzip zumindest). Für den normativen Gender-Begriff ist es ein zentrales Problem, zwei Arten von Verhaltensunterschieden trennen zu müssen: die biologisch oder psychologisch verursachten und die durch soziale Strukturen verursachten. Oft wird betont, unmittelbar reproduktives Verhalten, z.B. Gebären von Kindern, sei natürlich biologisch bestimmt und nicht sozial konstruiert, und mit dieser Haltung sei gezeigt, daß man die biologischen Aspekte anerkenne und angemessen berücksichtigt habe. Die oben zitierte Definition von Lorber greift zu dem Trick, einfach definitorisch zwischen biologisch, psychologisch und sozial verursachten Verhaltensdifferenzen zu trennen. Dies unterstellt stillschweigend, daß diese Ursachen überhaupt trennbar sind und nicht zusammen, sondern unabhängig voneinander wirken.

Diese Unabhängigkeits-Annahme wäre erst einmal zu beweisen. Sie steht in krassem Gegensatz dazu, daß biologisch oder psychologisch verursachte Verhaltensdifferenzen nahezu alle Lebensbereiche beeinflussen (s. u.a. Baumeister (2007), Baumeister (2010), Baron-Cohen (2006), Bischof-Köhler (2004), Bischof-Köhler (2011)), in einigen Verhaltensbereichen sogar dominierend.

Ohne diese Unabhängigkeits-Annahme implodiert der normative Gender-Begriff sozusagen: wenn es keine ausschließlich sozial verursachten sozialen Geschlechterdifferenzen gibt, dann wird er sinnlos und müßte im Sinne der englischen Wikipedia-Definition für biologische Einflußfaktoren geöffnet werden. Man kann dann auch nicht mehr folgern, das Verhalten nach Belieben durch Interventionen und Umerziehungsmaßnahmen anders gestalten zu können.

Abhängigkeit von umstrittenen sozialen Theorien und willkürlichen ethischen Wertungen

Wie schon oben erwähnt ist beim normativen Gender-Begriff "ein Gender" eine spezielle Form von sozialem Mechanismus, der i.a. als Diskriminierung verstanden wird, d.h. dessen Auswirkungen ethisch verurteilt werden. Man wird also hier begrifflich abhängig von:
  1. sozialen Theorien, wonach die unterstellten Mechanismen alleinige oder wesentliche Ursache der Auswirkungen sind - die in diesem Zusammenhang präsentierten sozialen Theorien sind regelmäßig hochumstritten -
  2. von ethischen Bewertungen - diese sind prinzipiell immer willkürlich.
Beim normativen Gender-Begriff ist also die Frage, welche Ausprägungen ("soziale Geschlechter") vorhanden sind, weitgehend willkürlich zu beantworten, sofern man nicht von vorneherein auf biologische und psychologische Geschlechtsdefinitionen zurückgreift.


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Glossar "Begriffe in Glossaren"

Grundbegriffe: Entität, Merkmal, Kategorie


Es geht bei der Geschlechterthematik zunächst darum, real existierende Personen zu beschreiben. Zur Beschreibung der Realität gibt es diverse Ansätze, wir lehnen uns hier an zwei Begriffswelten an, und zwar grundlegenden Begriffen aus der Stochastik und fuzzy sets aus der Elektrotechnik.

Entitäten und Merkmale

Eine Entität ist irgend eine (real existierende) Einheit, die wir beschreiben wollen. Entitäten können Merkmale haben.

Eine Merkmal (Synonyme: Eigenschaft, Attribut, Kenngröße, Variable) hat für jede Entität, die dieses Merkmal aufweist, eine konkrete Ausprägung, die bei dieser Entität auftritt. Mathematiker definieren eine Eigenschaft als eine Funktion von der Menge der betrachteten Entitäten in die Menge möglicher Ausprägungen, die wir als Wertebereich oder Skala des Merkmals bezeichnen. Beispiele:

  1. Wir betrachten als Menge der Entitäten die Menge aller Personen. Als Merkmale betrachten wir die Körpergröße und die Haarfarbe. Die Körpergröße geben wir als ganze Zahl mit der Maßeinheit cm an, die Haarfarbe mit den üblichen verbalen Bezeichnungen wie blond, braun, schwarz usw.
  2. Wir betrachten als Menge der Entitäten mehrere Personengruppen, und zwar die Einwohner der Bundesländer. Als Merkmale dieser Personengruppen betrachten wir das Durchschnittsalter mit der Maßeinheit Jahr, den Anteil der homophilen (also männerliebenden) Personen (in %) und die Körpergröße der größten Person in der Gruppe (in cm).
Die beiden Beispiele sollen zeigen, daß man sehr genau unterscheiden muß, ob man einzelne Personen oder Gruppen von Personen und deren jeweiligen Merkmale betrachtet.

Typen von Merkmalen bzw. Wertebereichen

Man unterscheidet folgende Typen von Merkmalen anhand von deren Wertebereich:
  • diskrete Merkmale: Der Wertebereich ist endlich oder abzählbar.
  • stetige Merkmale: Der Wertebereich ist nicht abzählbar, z.B. die reellen Zahlen oder das reelle Intervall [0,250].
Wenn wir z.B. das Merkmal Körperlänge beliebig genau messen, würden wir das reelle Intervall [0,250] verwenden. Sofern man diese Zahlen auf ganze Zahlen rundet, zerlegt man den reellen Wertebereich in Abschnitte von 1.0 Länge und geht von einem stetigen Merkmal zu einem diskreten Merkmal über.

Weiterhin unterscheidet man mehrere Strukturen in den Wertebereiche:

  • Ein Wertebereich ist nominalskaliert, wenn die Menge der Werte nicht geordnet ist. Üblicherweise werden die Werte dann mit Namen bezeichnet, z.B. "schwarz", "grau" usw. beim Merkmal Haarfarbe. Mathematisch gesehen handelt es sich hier um eine einfache, unsortierte Menge.
  • Ein Wertebereich ist ordinalskaliert, wenn die Menge der Werte geordnet ist, aber keine sinnvolle Differenz gebildet werden kann. Beispiel: Rangstufen beim Militär oder in einem Unternehmen.
  • Ein Wertebereich ist intervallskaliert, wenn die Menge der Werte geordnet ist, die Differenz von zwei Werten gebildet werden kann und als solche sinnvoll interpretiert werden kann.

Binäre Wertebereiche

Merkmale von Personen haben häufig nur zwei Ausprägungen, die man als "vorhanden" bzw. "nicht vorhanden" bezeichnen kann. Beispiele sind das Wahlrecht, viele andere Rechte, Vorhandensein von bestimmten Organen, Kindern usw. In solchen Fällen sagt man oft, "das Merkmal X ist [nicht] vorhanden". Die ist als abgekürzte Ausdrucksweise für "das Merkmal X hat die Ausprägung '[nicht] vorhanden'" zu verstehen. Ein Merkmal X im Sinne einer Eigenschaft ist immer vorhanden, auch wenn die Ausprägung von X den Wert "nicht vorhanden" hat.

Klassifizierung bzw. Kategorisierung von Entitäten

Ein diskretes Merkmal kann dazu benutzt werden, die Entitätsmenge in Gruppen zu zerlegen. Jede Merkmalsausprägung definiert eine Klasse bzw. Kategorie, und zwar die Teilmenge der Entitäten, bei denen diese Merkmalsausprägung auftritt.

Beispiel: Vergröbert man z.B. die Körperlänge auf die Einheit dm (10 cm), dann bilden z.B. alle Personen, deren Körperlänge über 150 und bis einschließlich 160 cm beträgt, eine Kategorie. In ähnlicher Weise werden bei vielen Sportarten Gewichtskategorien gebildet.

Warnung: die Bezeichnung "Kategorie" wird nicht nur für Klassen, sondern auch für Merkmale (bzw. Eigenschaften oder Attribute) verwendet, z.B. in Ausdrücken wie "die Kategorie Gender ist ...". Dies ist oft sehr verwirrend.

Wir benötigen ferner ein Verfahren, um bei realen Entitäten festzustellen, welche Ausprägungen deren Merkmale haben. Wir nennen dies ein "Meßverfahren". Auch wenn dies technisch klingt, soll damit nicht ausgeschlossen sein, daß ggf. Menschen diese Messungen durchführen.

Merkmalsausprägungen als "Begriffe"

Der Begriff "Begriff" ist tückisch. Das zeigt schon der vorige Satz, in dem sich der Begriff "Begriff" scheinbar selber definiert (in Wirklichkeit kommt die Bezeichnung "Begriff" mit zwei verschiedenen Bedeutungsebenen vor). Als Begriffe werden regelmäßig folgende Dinge bezeichnet:
  1. Merkmale, z.B. "Geschlecht", "Farbe", "Körpergröße", ...
  2. Ausprägungen von Merkmale, z.B. "männlich", "blau-grau", "sehr groß", ...
  3. die Gruppe der Entitäten, die eine bestimmte Eigenschaft ausweist, z.B. "Männer", "Grauhaarige", "Riesen", ...
In Fragen wie "Was verstehen Sie unter Geschlecht / männlich / Männlichkeiten" wird oft nach solchen Begriffsdefinitionen gefragt.

Kategorien von Begriffen

Der Begriff Kategorie wird oft auch zur Gruppierung ähnlicher Begriffe verwendet, also als Metabegriff. Ein abstraktes Merkmal ist dann auf einmal eine Kategorie. Dies ist immer irritierend.


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Unscharfe Begriffe und linguistische Terme


Im Alltag benutzt man sehr häufig Begriffe bzw. Kategorisierungen, bei denen die Zuordnung einer Entität zu einer der Kategorien nicht klar ist bzw. mehrere Kategorien infrage kommen. Als Beispiel betrachten wir die Temperatur eines Raums. Diese können wir objektiv messen, z.B. mit der Maßeinheit Grad und dem reellwertigen Intervall [0,35] als Wertebereich. Wir beschreiben die Temperatur verbal mit Begriffen wie "kalt", "warm" oder "heiß". Man kann jetzt versuchen, diese Begriffe auf passende Mengen konkreter Temperaturen abzubilden, z.B. von 0 - 15 Grad ist es "kalt", von 16 - 28 Grad "warm" und darüber "heiß". Dies entspricht aber nicht der üblichen Denkweise: 16 Grad sind nicht wirklich warm, sondern auch noch ein bißchen kalt. D.h. Begriffe wie "kalt" und "warm" sind unscharf und können mehr oder weniger zutreffend sein.

Die sog. Fuzzylogik bietet eine präzise Fassung für derartige alltäglichen Denkmuster. Unscharfe Begriffe wie "kalt" und "warm" werden hier als linguistische Terme bezeichnet. Vorausgesetzt wird ein "exakt" meßbares Bezugsmerkmal, z.B. die Raumtemperatur. Der Grad des Zutreffens eines unscharfen Begriffs wird nun als Funktion vom Wertebereich des Bezugsmerkmals in das reelle Intervall [0,1] dargestellt. 0 bedeutet, daß der unscharfe Begriff gar nicht zutrifft, 1 bedeutet, daß der unscharfe Begriff völlig zutrifft. Das folgende Bild zeigt ein Beispiel für die drei oben benutzten linguistischen Terme für die Raumtemperatur:

C WP

"kalt" kann z.B. von 0 - 14 Grad zu 100% zutreffen, über 18 Grad zu 0%, dazwischen fällt der Grad des Zutreffens linear ab (s. blaue Linie im Bild). Warm kann unter 14 Grad zu 0%, von 18 - 26 Grad zu 100% und ab 30 Grad wieder zu 0% zutreffen, zwischen 14 und 18 und zwischen 26 und 30 entsprechend dem Bild interpoliert.

Bei 15 Grad würde "kalt" zu 75%, also ziemlich, zutreffen und gleichzeitig "warm" zu 25%, also ein bißchen. Dieses Beispiel zeigt, daß einem exakten Wert des Bezugsmerkmals (15 Grad) i.a. mehrere zutreffende linguistische Terme zugeordnet werden.

Unscharfe Mengen (Fuzzy Sets)

Die Zugehörigkeitsfunktion eines linguistischen Terms definiert folgende Teilmenge des Wertebereichs des Bezugsmerkmals: alle Werte mit Zugehörigkeit ungleich Null. Diese (Teil-) Menge wird auch als unscharfe Menge (fuzzy set) bezeichnet.

Kategorisierung von Entitäten anhand linguistischer Terme

Eine erste sehr einfache Kategorisierung besteht darin, jedem linguistischen Term als Kategorie die Menge der Entitäten zuzuordnen, bei denen der Grad des Zutreffens dieses Terms größer 0 ist. Allerdings könnten diese Kategorien überlappen. Wenn disjunkte Kategorien erforderlich sind, kann man eine Entität derjenigen Kategorie zuordnen, deren linguistischer Term den größten Grad des Zutreffens hat. Hier muß durch vermieden werden (vor allem bei diskreten Bezugsmerkmalen), daß zwei linguistische Term in exakt gleichem Maß zutreffen

Fuzzylogik

Die Fuzzylogik bietet aufbauend auf diesen grundlegenden Konzepten Operationen mit fuzzy sets an, die als eine Verallgemeinerung der klassischen zweiwertigen Logik angesehen werden kann und die u.a. logische Operatoren wie UND, ODER, NICHT u.a. definiert (mehr Details).

Vergleich von linguistischen Termen mit Werten in nominalskalierten Wertebereichen

Die linguistischen Terme, die hier gebildet wurden, wirken auf den ersten Blick wie nominalskalierte Werte eines Wertebereichs, der durch Vergröberung der Meßgenauigkeit entstanden sind. Dies trifft aber nicht zu:
  • Nominalskalierte Werte treffen auf eine Entität immer nur ganz oder gar nicht zu, man kann damit keine Grade des Zutreffens ("ziemlich kalt") ausdrücken.
  • Für jede Entität trifft genau einer der nominalskalierten Werte zu. Die abgeleitete Kategorisierung ist automatisch eine disjunkte Zerlegung des Wertebereich des Bezugsmerkmals. Beides trifft auf linguistische Terme nicht zu.
  • Die Menge der linguistischen Terme, die man zu einem Wertebereich bildet, ist beliebig, jeder linguistische Term existiert unabhängig von den anderen, man kann bei Bedarf neue hinzunehmen oder alte "vergessen". Dies trifft auf nominalskalierte Wertebereiche nicht zu.
  • Linguistische Terme sind im Prinzip nicht geordnet, auch wenn der Wertebereich des Bezugsmerkmals geordnet ist. Wenn wir z.B. den Term "ekelhaft" für Temperaturen unter 4 Grad oder über 33 Grad hinzunehmen, dann kann man diese Angabe nicht sinnvoll als größer oder als kleiner als "kalt" ansehen.



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