Montag, 10. Februar 2014

Fack ju Dschända

Fack ju Göhte ist einer der erfolgreichsten deutschen Kinofilme aller Zeiten. Aktuell, rund 4 Monate nach dem Kinostart, hat er ca. 6.6 Mio. Besucher gehabt, macht Platz 6 auf der Liste der erfolgreichsten Filme in der Bundesrepublik seit 1968. Grund genug, einen Blick aus maskulistischer Sicht auf das Kunstwerk zu werfen.
Kurz zusammengefaßt: es geht um eine außer Kontrolle geratene Klasse an der Goethe-Gesamtschule, einer sehr speziellen Schule, die man politisch korrekt als sozialen Brennpunkt bezeichnen würde. Männliche Hauptfigur ist Zeki Müller (Elyas M'Barek), ein Ganove, aber irgendwie ein gutes Herz, rauhe Schale, hart im Nehmen, impulsiv, selbstbewußt, Retter in der Not, Macho. Weiblicher Gegenpart ist angehende Lehrerin Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth). Sie versucht, die schwierige Klasse mit modernster Pädagogik und Appellen an die Empathie der Schüler zur Raison zu bringen, scheitert aber gnadenlos an den Realitäten. Mit etwas Glück und einer kleinen weiblichen Erpressung spannt sie allerdings Zeki Müller für ihre Zwecke ein und läßt unseren Helden die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Den Rest verraten wir hier nicht, damit das kein Spoiler für diejenigen wird, die den Film noch nicht gesehen haben (aber unbedingt hineingehen sollten).
Schon die beiden Hauptfiguren strotzen nur so vor klassischen männlichen bzw. weiblichen Eigenschaften, und das setzt sich in den Nebenrollen fort. Aus Sicht der Emma-Redaktion kann nur der Maskulismus oder das Patriarchat hinter diesem geschlechterstereotypreproduzierenden Machwerk stecken, das ist doing gender at its worst. Die Leute sind nicht umsonst hingerissen von dem Film. Man ahnt bereits einen weiteren schlimmen Fauxpas: Homo-, a-, inter- und transsexuelle kommen politisch inkorrekterweise nicht vor, sondern nur die eigentlich irrelevante Bildungskatastrophe der sozialen Unterschicht.
Daß der Film die klassischen Geschlechterstereotype produziert, wage ich zu bezweifeln (dazu ist er auch viel zu selbstironisch), sondern behaupte das Gegenteil, daß diese schon vorher vorhanden waren und daß die Besucher die rund 50 Mio. Euro Eintritt bezahlt haben, weil sie sich mit den Figuren identifizieren können. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, daß gemäß den rund 4000 IMDb-Benutzervoten die weiblichen Zuschauer ihn sogar noch einen Tick besser beurteilten als die männlichen und die sehr wenigen weiblichen Zuschauer über 45 ihn deutlich schlechter als alle anderen Gruppen fanden.
So gesehen war Fack ju Göhte die größte bisherige Volksabstimmung über die Vision des Genderfeminismus, wonach man das Geschlecht einer Person nur noch mit Hilfe der Gesundheitskarte feststellen kann. Allerdings nicht die einzige. Bei einem Blick auf die Einschaltquoten im Fernsehen ist Der Bachelor mit 4 - 5 Mio. Zuschauern pro Sendung kaum zu übersehen. Nina Klink, Executive Producer, wurde im vergangen Jahr vom Branchenmagazin kressreport auf Platz zwei der 15 "wichtigsten TV-Manager unter 40" gewählt und zählt damit zu den innovativsten Köpfen der Branche.
Im Regierungsviertel
Szenenwechsel: Berlin, Regierungsviertel. Unsere Regierenden machen sich Sorgen, das uninformierte Wahlvolk könnte die falschen Geschlechterrollen praktizieren.
Auftritt oberste Frauenbeauftragte Deutschlands, Ministerin Schwesig, die zu den innovativsten Köpfen des institutionalisierten Feminismus zählt. Sie verkündet ihre Pläne zur weiteren Gleichschaltung von Männern und Frauen, die 32-Stunden-Woche für alle. Die Mrd. Euro pro Jahr, die es kosten soll, müssen es uns wert sein angesichts des menschlichen Leids, das die bisherigen Geschlechterrollen in weiten Teilen der Bevölkerung anrichten. Die Reaktionen sind bekannt und passen irgendwie zu "Fack ju Göhte".
Parallel dazu verkünden Grüne und SPD in Baden-Württemberg ihre Pläne, schon ab der Grundschule die Kinder von der irrigen und sexistischen Annahme zu kurieren, heterosexuelle Beziehungen seien der Normalfall. Unkenntnis des Sexuallebens sehr kleiner Minderheiten ist für die Grünen-Frontfrau Roth das gleiche wie "Ausgrenzungs- und Diskriminierungswille" und die "Verweigerung von Menschenrechten". Unermüdlich preist Frau Roth die Gleichstellung (das Wort kommt 7 Mal in dem kurzen Text ihres ZEIT-Artikels vor) und die Auflösung gestriger Geschlechterrollen mit dem Endziel einer "emanzipatorischen und bunten Gesellschaft".
Wahrscheinlich weiß Frau Roth nicht, was Gleichstellung bedeutet, denn es ist schwer erklärbar, wie eine Gesellschaft noch bunt sein kann, wenn alle mit allen gleichgestellt sind, alle gleich reich sind, gleich viel arbeiten, die gleiche Uniform tragen, und die gleiche Geschlechterrolle spielen - wäre der Begriff "Geschlechterrolle" dann überhaupt noch sinnvoll? Worin besteht die erlaubte Buntheit? Sind bunt und gleich nicht das Gegenteil voneinander? Man ist wirklich verwirrt und sicherlich selber schuld, die Heilsversprechen von Frau Roth nicht zu verstehen.
Geschlechterrollen als politische Nebelkerzen
Der Begriff Gleichstellung (im Gegensatz zu Gleichberechtigung) gehört zu den am schlechtesten verstandenen Begriffen in den sozialpolitischen Debatten - und gleichzeitig zu den am häufigsten benutzten. Dies macht durchaus Sinn, denn das Arbeiten mit mehrdeutigen, unscharfen Begriffen, Erwartungen, Zielen usw. ist die bekannte Hypnosetechnik Ambiguität, mit der man den Gegner ablenken und irritieren und die eigenen Leute bei der Stange halten kann.
Mit politisch propagierten Geschlechterrollen und darauf aufbauenden Heilsversprechen verhält es sich ähnlich. Der Begriff Geschlechterrolle ist einer der kompliziertesten in der Geschlechterdiskussion. Üblicherweise definiert man eine Geschlechterrolle als einen Katalog von
Verhaltensweisen, die in einer Kultur für ein bestimmtes Geschlecht als typisch oder akzeptabel gelten.
Die Verhaltensweisen können nicht nur Handlungen betreffen, sondern auch Überzeugungen und Wertungen ("Frauen lieben richtige Kerls"). Nun laufen Männer und Frauen beide typischerweise auf 2 Beinen und haben viele weitere gemeinsame Verhaltensweisen. Gemeint sind daher eigentlich Verhaltensunterschiede, und zwar nur markante, denn im Detail findet man viel zu viele Unterschiede. Bemerkenswert ist schon hier, daß Gleichstellungsmaßnahmen darauf zielen, die Verhaltensunterschiede zu reduzieren und Geschlechterrollen aufzuheben - wir kommen später darauf zurück, ob das überhaupt sinnvoll ist.
Geschlechterrollen sind im einfachsten Fall nur Beschreibungen des beobachteten Rollenverhaltens, ohne dieses zu bewerten. In politischen Kontexten werden die möglichen Verhaltensweisen allerdings typischerweise als erwünscht oder unerwünscht oder sogar verboten bewertet. Geschlechterrollen sind hier also präskriptiv und/oder werden als Maßstab für die Beurteilung von abweichenden Verhaltensweisen herangezogen. Die Sanktionen bei Abweichungen reichen von einfacher Mißbilligung bis hin zu gesetzlichen Vorschriften und entsprechenden Strafen.
Geschlechterrollen haben mehrere praktische Funktionen im sozialen Zusammenleben: Sie dienen dazu, das eigene soziale Verhalten zu bewerten und ggf. zu steuern. Ferner kann man Prognosen bzw. Erwartungen bzgl. des Verhaltens anderer Personen aufstellen. Insofern sind Geschlechterrollen Teil von Übereinkünften, wie Personen (vor allem Personen verschiedenen Geschlechts) miteinander kommunizieren und agieren. Geschlechterrollen können daher nicht ohne weiteres einseitig dekretiert werden, sondern sind letztlich Ergebnisse von Aushandlungsprozessen, an denen beide Seiten beteiligt sein müssen.
Als wäre das bis hierhin noch nicht kompliziert genug, kommt jetzt der übliche Hinweis, daß es nicht "die Männer" und "die Frauen" gibt, sondern beide Gruppen sehr heterogen zusammengesetzt sind. Die Bandbreite an Verhaltensweisen, die einem realistisch offenstehen, und die Lebenserfahrungen und damit zusammenhängenden Werturteile hängen sehr stark von der sozialer Klasse, dem Milieu (vgl. die diversen SINUS Milieustudien) und ggf. der Religion und Weltanschauung ab, und zwar sowohl hinsichtlich der gemeinsamen wie der unterschiedlichen Verhaltensweisen von Frauen und Männern. Vor diesem Hintergrund scheint es fragwürdig, Geschlechterrollen unabhängig von der sozialen Klasse bzw. dem Milieu zu beschreiben oder gar im Sinne von Vorschriften einzusetzen.
Nebelkerze 2: Wandel der Geschlechterrollen
Kommen wir wieder zurück auf die politische Bühne und zu Frau Roth, die reaktionäre und fundamentalistische Stimmen wahrnimmt, die zurück zu einem "gesellschaftspolitischen Gestern" wollen. Sie verrät uns nicht, auf welches Jahr das Gestern datiert. 1910? 1945? 1968? 2000? Sie sieht jedenfalls den bisherigen Fortschritt bei der Veränderung bzw. Auflösung der Geschlechterrollen gefährdet.
Wir wollen mit der Datierung nicht unnötig pingelig sein, gemäß aktuell gültigem feministischem Narrativ haben sich die Geschlechterrollen in den letzten 3 - 4 Jahrzehnten deutlich verändert. Zumindest bei den Frauen, die werden allenthalben für ihre emanzipatorischen Leistungen gelobt. Die Männer hinken hinterher oder stellen sich bockig und wundern sich dann, wenn sie unter die Räder der neuen Powerfrauen und Alphamädchen kommen - selber schuld!
In der medialen und politischen Darstellung wird seit ca. 20 - 30 Jahren ein Bild vom "Mann in der Identitätskrise" oder vom "verunsicherten Mann" gezeichnet. Google bietet 64.200 Ergebnisse für die Suchabfrage "Krise der Männlichkeit" an und sogar 151.000 Ergebnisse für "Wann ist der Mann ein Mann", wovon nur ein Bruchteil der Treffer den Text von Grönemeyers legendärem Lied "Männer" zeigt. Es wurde 1984 veröffentlicht, zwei Jahre vorher hatte Ina Deter den Hit Neue Männer braucht das Land (ungefähr 1.150.000 Ergebnisse bei Google). Bemerkenswert ist, daß Grönemeyer eigentlich mit "Männer" das "ökoartige Männerbild" der 80er Jahre als Ursache großer Mißverständnisse darstellen wollte und Ina Deter zwar lautstark einen Wandel der Männer fordert, uns aber über das konkrete Ziel des Wandels im Unklaren läßt.
Inzwischen haben auch die Jungen eine Krise. Jungen und Männer versuchen sich - wegen Unkenntnis des Frauenfachs Gender Studies natürlich erfolglos - seit Jahren an Männlichkeitskonstruktionen. Oder auch nicht, sondern verfallen in Lethargie und das bekannte Krankheitsbild "verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre". Die Männer sind wieder mal die Versager. Man muß unwillkürlich an eine Fortsetzung der negativen Andrologie (nach Kucklick) vom Mann als Tier in Richtung Mann als renitent, uneinsichtig, gestrig, dumm denken. Die Dauerbeschallung der Gesellschaft mit Berichten über die Identitätskrise der Männer hat diese Identitätskrise mehr oder weniger zu einem Bestandteil der Geschlechterrolle von Männern gemacht und schon zu neuen Wortschöpfungen wie Schmerzensmänner geführt.
Wie üblich bei feministischen Aussagen folgt aus der Tatsache, daß sie immer wieder von feministischen Autoritäten oder unseren Medien wiederholt werden, keineswegs, daß sie stimmen. So auch hier. Zunächst: was bedeutet es überhaupt, daß irgendeine Gruppe ihre Geschlechterrollen geändert hat?
Es ist schwierig genug, zu einem bestimmten Zeitpunkt die vorhandenen, i.d.R. milieuspezifischen Geschlechterrollen zu beschreiben. Nehmen wir an, wir hätten das geschafft. Kann man unter dieser Annahme die heute 30-Jährigen mit den 30-Jährigen von 1990 oder von 1968 sinnvoll vergleichen?
In den letzten Jahrzehnten haben sich grundlegende Lebensumstände verändert, damit auch die Handlungsalternativen (Verhütung, Arbeitsentlastung durch Haushaltsmaschinen / Roboter, neue Medien und technische Kommunikation, medizinische Erkenntnisse usw. usw.). Alleine durch Änderung dieser äußeren Umstände haben sich die gemeinsamen und unterschiedlichen Verhaltensweisen von Frauen und Männern erheblich verändert. Daß sich eine heute 30-jährige Frau anders als ihre 60-jährige Mutter verhält, als diese 30 Jahre alt war, ist kaum anders denkbar. Daß dies als heroische Leistung hochstilisiert wird, verblüfft dann schon. Genauso fragwürdig ist der Tadel an der jüngeren männlichen Generation.
Mach ma'n Riällitti Tscheck
Wir gehen mit unserer Skepsis gegenüber feministischen Aussagen, speziell wenn sie Männer betreffen, noch einen Schritt weiter: hat sich wirklich so viel bei den Frauen geändert und so wenig bei den Männern?
Bei den Mädchen und Frauen scheint ebenfalls eine Krise ausgebrochen: allenthalben hört man von Überforderung durch die Dreifachbelastung durch Job, Kinder und Altenpflege und weniger Zufriedenheit bis hin zur Erkenntnis "you can't have it all". Schuld hieran ist allerdings das Patriarchat und Halsstarrigkeit der Männer, die sich nicht passend zu den Frauen mitändern. Geheiratet wird, wenn überhaupt, weiterhin nur sozial aufwärts, die gleichen Berufe wie vor 30 Jahren werden bevorzugt. Einige Frauen wollen sogar ganz offiziell nichts mehr vom Feminismus und seinen Rollenzwängen wissen. So zeigte z.B. die Vorwerk Familienstudie 2013, daß sich viele Haltungen in den letzten 20 Jahren kaum verändert haben. Der Spiegel titelt gar (sehr pauschalisierend): "Er macht Karriere, sie hütet die Kinder."
Nicht viel anders sieht es mit dem Wahrheitsgehalt von der Verhaltensstarre bei Jungen bzw. Männern aus. Schon die 1968 sozialisierten Männer hatten völlig andere Lebensweisen und -ideale als ihre Vätergeneration. Generation Y hat sich noch einmal ein großes Stück weiterbewegt. Die neuen Männer waren sogar tatsächlich kreativ bei der Entwicklung neuer Geschlechterrollen, z.B. überzeugter Single bzw. MGTOW. Auch wenn das nicht exakt das ist, was sich der Feminismus für die Männer überlegt hatte.
Sowohl bei den Frauen wie bei den Männern können wir eine auffällige Diskrepanz feststellen zwischen den tatsächlichen Verhaltensänderungen und deren öffentlicher Darstellung, die in den Medien und der Politik konstruiert wird.
Nachdenken über Geschlechterrollen
Betrachten wir noch etwas genauer, was der Vorwurf an die Männer bedeutet, ihr Verhalten nicht geändert zu haben bzw. unsicher und desorientiert zu sein.
Man kann eine Geschlechterrolle einfach so praktizieren, ohne groß nachzudenken, indem man einfach andere Personen imitiert. Oder man kann wie ein aufgeklärter Verbraucher aus dem Angebot eine auswählen, am besten mit Checkliste der Vor- und Nachteile. Oder man kann sich selber eine Rolle basteln, mit selbst erfundenen Zutaten - haute cuisine sozusagen.
Nach dieser Klassifizierung betrifft der Vorwurf an die Männer nicht nur die tatsächlich praktizierte Geschlechterrolle, sondern beinhaltet auch, über alternative Geschlechterrollen nicht nachdenken zu wollen oder zu können.
Der Zeitaufwand und die nötigen Vorkenntnisse steigen bei den obigen drei Optionen sozusagen exponentiell an. Für Stufe 2, die qualifizierte Auswahl, sollte man die zu Auswahl stehenden Rollen gut kennen und am besten schon selbst erprobt haben - Versuch macht kluch, wie die Ingenieure sagen. Für das reine Faktenwissen scheint ein Grundkurs Psychologie / Soziologie empfehlenswert (man ahnt, wie Schüler der Goethe-Gesamtschule den Grundkurs Dschända einschätzen werden). Für die Stufe 3, die haute cuisine, wäre ein Soziologie- und Psychologiestudium nicht schlecht. Das steht nicht jedem offen.
Gender Studies als Schulfach
Die Diskrepanz zwischen erwünschtem und tatsächlichen Verhalten der Männer ist auch schon im Bundesministerium für alles außer Männern aufgefallen und hat zur Beauftragung einer Studie Jungen und ihre Lebenswelten durch den Beirat Jungenpolitik und das SINUS-Institut geführt. Die Studie preist (auftragsgemäß?) fast auf jeder Seite die Segnungen und die Alternativlosigkeit der Gleichstellungspolitik des Ministeriums, was auf genderfeministisches Propagandamaterial hindeutet.
Nichtsdestotrotz bietet die Studie einen interessanten Einblick in die unterschiedlichen Grade des Rollenwandels in verschiedenen Milieus. Demnach haben vor allem Mädchen und sozialökologische Jungen ihre stereotypen Rollenbilder um "moderne Elemente" erweitert (Atomkraft galt übrigens lange Zeit als sehr modern). Leider haben nur wenige Jungen ("Experimentalistische Hedonisten") die eigentlich erwünschten "flexiblen, mehrdimensionalen, kritischen Geschlechtervorstellungen" entwickelt.
Ein wesentliches Erkennungsmerkmal der fortschrittlichen Gruppen ist ein "Problembewusstsein bzgl. sexistischer, objektifizierender, körpernormierender und abwertender Frauenbilder". Positiv erwähnt wird, daß die Mehrheit der Mädchen "über ein kognitives gesellschaftstheoretisches Instrumentarium [das Patriarchat?] verfügt, diese Normierungsvorgänge zu identifizieren und sich von ihnen zu distanzieren".
Konsequenterweise betrachtet der Bericht es als zentrale Herausforderung der Gleichstellungspolitik, "vielfältige und individuelle Männer- und Frauenbilder" zu fördern und "die Individualität auszuprägen und zu leben, anstatt sich Geschlechterbildern entsprechend zu verhalten", also im Endeffekt Geschlechterrollen im Sinne typischer Verhaltensunterschiede abzuschaffen. Weiter empfiehlt der Bericht, die Jugendlichen an der "Entstehung und Veränderung von Geschlechterbildern in Peergroups und Gesellschaft" teilhaben zu lassen - vulgo: Gender Studies als Schulfach -, Jugendliche in ihrem dringenden "Wunsch nach Machtsymmetrie und Gleichstellung in der Partnerschaft ernst zu nehmen" und eventuelle "Wünsche nach Machtasymmetrien in Partnerschaften besonders aufmerksam zu begleiten". Denn es ist bei Wünschen nach Machtasymmetrien "fraglich, ob es sich hierbei um informierte Entscheidungen der Jugendlichen handelt".
Zufälligerweise entspricht dies genau den Grundthesen des Genderfeminismus, wonach alle Geschlechterrollen schädliche soziale Konstrukte sind und kuriert, also aberzogen werden müssen. So gesehen hätte man sich die Studie auch sparen können, aber immerhin ist jetzt wissenschaftlich erwiesen, daß die Gleichstellungspolitik des Ministeriums richtig und alternativlos ist. Zweifel an den Theorien des Genderfeminismus sind in dem Bericht nicht auszumachen. Daß sich die Erwachsenen auch nach 30 Jahren mentalem Druck nicht an die Theorien des Genderfeminismus halten wollen, ist offensichtlich auch auf uninformierte Entscheidungen zurückzuführen. Eventuell hat man im Ministerium bzgl. der Erwachsenen resigniert und konzentriert sich stattdessen auf die noch unverdorbenen Heranwachsenden, vor allem solche, die am Gymnasium einen Leistungskurs Psychologie / Soziologie absolviert haben und die die "richtigen" Einstellungen haben.
Grundkurs Wirtschaftswissenschaften
In der ZEIT erschien vor einigen Tagen ein unerhörtes Statement: Dass sich Kinder und Karriere vereinbaren lassen, ist eine Lüge. Eigentlich nur eine Replik auf die Idee der 32-Stunden-Woche a la Schwesig, tatsächlich aber mehr: eine grundsätzliche Widerlegung des großen Glücksversprechens des Feminismus "you can have it all". Wobei dieser Text nur mit Alltagsproblemen argumentiert, die die feministische Vision in der Praxis scheitern lassen.
Die feministische Vision von Gleichstellung und Abschaffung der Geschlechterunterschiede ist mental eher einfach gestrickt: Man reduziert die Geschlechterunterschiede auf die Zeiten, die im Job, bei der Kindererziehung, für den Hausputz usw. verbracht werden, bildet den Durchschnitt und zwingt alle, in allen Bereichen genau den Durchschnitt zu absolvieren, und schon sind alle gleichgestellt und glücklich. Das "Durchschnittsmodell" ist mathematisch gesehen nur eine Umformulierung eines starren Quotensystems, wonach bei jeder Arbeitskategorie eine Männer-/Frauenquote von 50% erzwungen wird.
Übersehen wird beim Durchschnittsmodell, daß unsere Wohlstandsgesellschaft nur möglich wurde, weil die Arbeitseffizienz durch Arbeitsteilung und Spezialisierung erheblich gegenüber der handwerklichen, vorindustriellen Gesellschaft gesteigert werden konnte. Die in dem ZEIT-Artikel beklagte Überlastung ist direkte Folge der Effizienzverluste gleichgeschalteter Eltern. Um diese Effizienzverluste der Öffentlichkeit plastisch zu demonstrieren, fährt SPD-Chef Sigmar Gabriel immer mittwochnachmittags mit Chauffeur und Personenschützern einige 100 km zur Kita, um seine Tochter abzuholen.
Es steht jedem frei, diese Effizienzverluste in einer informierten Entscheidung bewußt in Kauf nehmen. Nur sollte man sich dann nicht über mehr Arbeit, weniger Karriere und geringeren sozialen Status beklagen.
Neben den Effizienzverlusten sind grundsätzliche Defizite der feministischen Theorie weitere Ursachen, warum die Glücksversprechen des Feminismus nicht eintreten und der Widerstand gegen die Auflösung von Geschlechterrollen so weit verbreitet ist.
Die Identitätskrise als Propagandainstrument
Das medial konstruierte Bild vom "Mann in der Identitätskrise" erscheint vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht. Es läßt sich schon seit einigen Jahren kaum noch verheimlichen, daß die feministischen Heilsversprechen nicht eingehalten werden können. Also muß
  • ein Schuldiger her, um von den eigenen Defiziten abzulenken, und
  • dafür gesorgt werden, daß der Feminismus weiterhin seine Diskurshegemonie aufrechterhalten kann, nicht zu reden vom Erhalt tausender Arbeitsplätze der feministischen Infrastruktur.
Die Männer als verwirrt und mit sich selber im Unreinen darzustellen und ihnen gönnerhaft anzubieten, sich von erprobten Gender-Experten helfen zu lassen, z.B. im Bundesforum Männer, ist ein durchschaubares Manöver. Ähnlich wie die Verunglimpfung als rechtsradikale Breivik-Fans geht es darum, einen eigenen maskulistischen Standpunkt in der Geschlechterdebatte zu verhindern.
Und jetzt?
Aus maskulistischer Sicht sind die Konsequenzen offensichtlich:
  • Der Maskulismus muß alle Versuche abwehren, als Sündenbock für Konstruktionsfehler in genderfeministischen Theorien vorgeführt zu werden. In unserer virtuellen, trotzdem volksnahen Goethe-Gesamtschule würde man es noch prägnanter ausdrücken: Fack ju Dschända!
  • Der Feminismus hat ein Chaos an Geschlechterrollen bei den Frauen produziert, mit entsprechend chaotischen und teilweise widersprüchlichen Erwartungen an komplementäre Rollen der Männer. Es ist nicht der Job der Männerseite, dieses fremdverursachte Chaos aufzuräumen. Unerfüllbaren Forderungen an das Rollenverhalten von Männern sollte klar widersprochen werden, und zwar nicht im Jammerton, sondern mit Verweis auf die Konstruktionsfehler.
  • Das Narrativ vom "Mann in der Identitätskrise" sollte als Propaganda durchschaut und zurückgewiesen werden. Sein Verhalten nicht zu ändern, kann durchaus qualifiziert und Ergebnis gründlichen Nachdenkens über Geschlechterrollen sein.
Der Feminismus ist mit zentralen Glücksversprechen durch normierte "gleichgestellte" Geschlechterrollen gescheitert. Der Maskulismus muß sich überlegen, ob er es besser machen will und ob er in der öffentlichen Debatte überhaupt in einen Bieterwettbewerb von Glücksversprechungen eintritt. Diese Diskussion ist noch zu führen. Erste Denkanstöße:
  • Vorsicht, im Zweifel besser nicht. Glück entsteht durch Wertschätzung, Respekt und Anerkennung durch das andere Geschlecht, durch Erfüllung der individuellen Bedürfnisse, nicht durch gleichgeschaltete präskriptive Geschlechterrollen mit mißtrauisch kontrollierten Stundenzetteln, wer wie lange was gearbeitet hat.
  • Das ständige Hinterfragen von Geschlechterrollen erzeugt auch Streß, weil es Zeit und Energie kostet, die in manchen Milieus vorhanden sind, in den meisten aber nicht.
  • Die Geschlechterdebatte ist teilweise ein Ersatzkriegsschauplatz im Kampf der großen politischen Strömungen. So gesehen dienen die politisch propagierten Geschlechterrollen oft als Waffe im übergeordneten politischen Kampf. Es geht nicht wirklich um Männer und Frauen, sondern mehr um die Frage, ob die Gesellschaft egalitär, liberal oder konservativ sein soll.

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