Inhalt

Inhaltsübersicht

Einstiegslektüre

* Maskulismus in zwei Minuten
* Kernthemen und -Forderungen
* Maskulismus für Anfängerinnen

Maskulismus im Detail

* Ethisch-philosophische Grundlagen des demokratischen Maskulismus
* Maskulismus-Varianten

Feminismus(kritik)

* Feminismus und Feminismuskritik
* Das Definitionsmacht-Konzept
* Staatsfeminismus
* Gender Mainstreaming
* Frauenquoten

Gender-Studies, Kampfbegriffe

* Gender-Studies
* Kampfbegriff Gender
* Kampfbegriff Gender Pay Gap
* Die feministische Privilegientheorie

Medien und feministische Propaganda

* #Aufschrei - eine Kurzanalyse
* Antimaskulismus in den Medien
* Warnung vor der deutschen Wikipedia

Sonstiges

* Sprachmanipulationen des Feminismus
* Der Masku-Knigge
* Fack ju Dschända (Rant über Geschlechterrollen)



Aktuelles

Bis zum 10.10.2016, 12:00: Kickstarter-Kampagne: Dokumentarfilm "The Red Pill": Deutschlandpremiere in Berlin
2016-09-18: Neuer Abschnitt Datenbestände zum GPG und deren (fehlende) Repräsentativität in der GPG-Seite
2016-09-01: Neue Seite Das feministische Definitionsmacht-Konzept anläßlich der Lohfink-Affäre
2016-07-19: Vorsicht: das neue Sexualstrafrecht! Aktuelle Rechtsberatung von Dr. Stevens: Welche 08/15-Sexualpraktiken (innerhalb und außerhalb einer Ehe!) Ihnen dank der neuen lex Schwesig mindestens 6 Monate Gefängnis einbringen und erst nach 10 Jahren verjährt sind.
2016-02-04: Neuer Abschnitt Hexenverfolgungen als "Frauen-Holocaust" und Beweis für historischen Frauenhaß in der Seite Feministische Falschaussagen


Freitag, 30. September 2016

Ada Lovelace - eine große Lüge?





Inhaltsübersicht



Einleitung und Zusammenfassung


Ada Lovelace ist eine der bekanntesten feministischen Kultfiguren. Die Google-Suche "Ada+Lovelace" liefert rund 500.000 Treffer. Schon auf der Trefferliste wird eine Personenbeschreibung eingeblendet, wo man lernt, sie sei "eine Mathematikerin" und habe "als Erste ein komplexes Programm" veröffentlicht. Die deutsche Wikipedia macht fast die gleichen Angaben und präzisiert: "Das Programm nahm wesentliche Aspekte späterer Programmiersprachen wie etwa das Unterprogramm oder die Verzweigung vorweg." Auf frauen-informatik-geschichte.de erfahren wir "Sie entwarf Konzepte zur Programmierung einer mechanischen Maschine". einstieg-informatik.de behauptet, die "Computerpionierin [!] Ada Lovelace beschrieb die grundlegenden Konzepte der Computerprogrammierung [!] und die Bausteine, die in jeder [!] Computersprache benötigt werden." Wirklich beachtlich, aber Frauen können eben alles.

Leider ist keine einzige der vorstehenden Aussagen über Ada Lovelace wahr. Manche sind frei erfundener Unfug, manche könnte man irgendwie retten, indem man "Es gibt plausible Hinweise, aber keinen Beweis, daß ..." davor schreibt, manche sind geschickte (oder wahlweise hinterhältige) rhetorische Tricks. Ada Lovelace war interessiert an Mathematik, ob sie mehr als Abiturniveau erreichte, ist umstritten und nicht erwiesen. Sie hat kein einiges Programmiersprachenkonzept erfunden, sie hat genau ein Programm geschrieben, das war aber nicht das erste. Sie war kein Computerpionier. Man kann sie als engagierten und erfolgreichen Wissenschaftsreporter bezeichnen (das ist als Kompliment gemeint), der dem Publikum eine geniale Erfindung, die Analytical Engine von von Charles Babbage, beschrieb.

Nun sind groß angelegte Geschichtsfälschungen (um nicht zu sagen Geschichtsrevisionismus) bzw. "große Lügen" guter Brauch im Feminismus. Den Begriff "Patriarchat" kann man als eine einzige gigantische Geschichtsfälschung bewerten. Beim Thema Hexenverbrennungen hatten die Geschichtsfälschungen signifikante Ausmaße, und die gefälschten Angaben waren lange Zeit wesentlich für das feministische Selbstverständnis. Ein weiteres Beispiel sind die angeblich von den Nazis verfolgten Lesben. Ist die Darstellung von Ada Lovelace eine weitere große Lüge?

Man spricht von einer "großen Lüge", wenn Desinformation flächendeckend verbreitet ist, wenn die korrekten Informationen kaum noch eine Chance haben, wahrgenommen zu werden, wenn zumindest teilweise Maßnahmen erkennbar sind, die Öffentlichkeit zu täuschen, wenn ggf. die Benutzung der korrekte Informationen aktiv unterdrückt wird. Der Begriff "große Lüge" stammt aus dem Nationalsozialismus und wird deshalb manchmal damit verbunden, daß eine große Lüge nur bei der Vorbereitung bestialischer Verbrechen geplant und umgesetzt wird. Dies ist hier explizit nicht gemeint, ob die Aussagen über Ada Lovelace stimmen oder nicht, ist materiell ziemlich unwichtig. Man könnte auch den weniger bekannten Begriff Woozle-Effekt verwenden, der aber mehr auf unbedachtes Zitieren zielt: Wenn alle zugänglichen Quellen konsistent die gleiche Unwahrheit berichten, wird die Unwahrheit - oft noch inhaltlich gesteigert - im Brustton der Überzeugung weitergegeben.

Viele große Lügen haben den Nachteil, Aussagen über große Zeiträume und große Personengruppen zu machen, also über unübersichtliche Themen. Der Fall Ada Lovelace hat den Vorteil, relativ überschaubar und hinreichend präzise untersuchbar zu sein. Der Fall Ada Lovelace ist trotzdem eine Lehrstunde dahingehend, wie schwer es ist, geschichtliche Vorgänge angemessen zu beschreiben und zu verstehen, und wie leicht man aufgrund erster Eindrücke und ohne Hintergrundwissen zu völligen Fehlurteilen kommen kann. Die Lügen im Fall Ada Lovelace kann man daher auch nur verstehen, wenn man sich Zeit nimmt und sich die Themen und Personen genauer ansieht.

Eine Befassung mit dem Fall Ada Lovelace ist andererseits insofern spannend, als man einen Einblick in eine drastisch andere Welt bekommt und ein Gefühl dafür, vor welchen Problemen Erfinder von Technologien standen, die für uns heute völlig selbstverständlich erscheinen, und welche Leistungen manche Innovationen erforderten.

Die maßlose feministische Übertreibung der Verdienste von Ada Lovelace ist auch ein Unrecht an ihr selber: sie war tatsächlich eine interessante, durch ihren Reichtum und den Adelsstand sehr privilegierte, durch Krankheiten geschädigte, oft auch fragwürdige Person. An ihrem Beispiel wird deutlich, mit welchen Behinderungen technisch interessierte Frauen damals zu kämpfen hatten. Sie hat sich tatsächlich Verdienste erworben, denn ihr Wirken als ein Wissenschaftsreporter, der die Erfindungen von Babbage einem breiteren Publikum zugänglich machte, stellte eine erhebliche eigene Leistung dar, nicht zu reden davon, daß sie Babbage in der sehr intensiven Kooperation mit ihm nötigte, seine Erfindungen genauer darzustellen und zu durchdenken.

Um genauer einordnen zu können, um welche historische Innovation es sich hier handelt, führt ein erster Abschnitt Algorithmen vs. Computerprogramme vs. Mikroprogramme einige Grundbegriffe ein, um die Analytical Engine technikhistorisch einordnen zu können. Spätere Abschnitte skizzieren den Werdegang und die Ausbildung von Ada Lovelace und gehen vor diesem Hintergrund auf die ihr zugeschriebenen wissenschaftliche Leistungen ein.

Die Entstehung des heutigen Hypes um Ada Lovelace wird anschließend dargestellt. Eine zentrale Rolle spielte hier die Benennung der neuen Standard-Programmiersprache des US Department of Defense (DoD) nach Ada Lovelace im Jahr 1979.

Abschließend werden Beispiele für typische feministische Falschaussagen über Ada Lovelace und rhetorische Tricks, mit denen eine explizite Falschaussage vermieden, der Leser aber getäuscht wird, aufgelistet. Am Ende muß jeder selber beurteilen, ob der Fall Ada Lovelace eine große Lüge oder nur eine ganz normale Geschichtsfälschung ist.



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Charles Babbage und die Analytical Engine


Algorithmen vs. Computerprogramme vs. Mikroprogramme

Um besser zu verstehen, um welche Innovation es hier geht, sollte man sich zunächst den Unterschied zwischen einem Algorithmus und einem Computerprogramm klarmachen. Ein Algorithmus ist eine "mechanisch" ausführbare Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen. Ein bekanntes Beispiel ist der Euklidische Algorithmus zur Berechnung des ggT zweier natürlicher Zahlen. Dieser Algorithmus besteht i.w. aus einer Schleife, in der eine Division mit Rest solange durchgeführt wird, bis eine Abbruchbedingung erfüllt ist. Ein weiteres Beispiel ist das Sieb des Eratosthenes zur Bestimmung aller Primzahlen. In der programmiersprachlichen Notation erkennt man zwei ineinander geschachtelte Schleifen. Sogar drei ineinander geschachtelten Schleifen weist der Standardalgorithmus zur Matrizenmultiplikation auf. Es gibt unzählige Algorithmen in der Mathematik, viele davon wurden schon vor 2000 Jahren verstanden und manuell ausgeführt. "Prozessor" ist hier der Mensch, der sowohl die Ablaufsteuerung als auch die benutzten Rechenoperationen versteht bzw. ausführen kann. Beschrieben wurden mathematische Algorithmen früher nur in natürlicher Sprache. I.f. wird es wichtig sein, daß bis auf eine eventuelle progammiersprachliche Notation auch komplexe Algorithmen schon 1800 altbekannt waren.

Ein Computerprogramm ist ein Algorithmus, der in einer maschinell ausführbaren Sprache geschrieben ist. Es setzt also eine ausführende "Maschine" (bzw. einen "Automaten") voraus, die sowohl die Ablaufsteuerung als auch die elementaren Rechenoperationen (beides als Befehlssatz bezeichnet) technisch implementiert. Der Befehlssatz bzw. die damit entstehende Programmiersprache sollte flexibel genug sein, um möglichst viele Algorithmen implementieren zu können.

In den Algorithmen benutzte Befehle wie die Addition oder Division zweier ganzer Zahlen werden ihrerseits im Rechnerkern in komplexen Abläufen realisiert. Die Programme, die diese Abläufe steuern, nennt man Mikroprogramme. Die Mikroprogramme verarbeiten einzelne Bits von Zahlendarstellung und behandeln elementare, hardware-nahe Aspekte. Mikroprogramme und "user-level"-Programme verarbeiten also verschieden große Datenobjekte, sind aber hinsichtlich der Ablaufsteuerungen und der dabei benutzten Algorithmen vergleichbar komplex.

Die Analytical Engine

Die von Charles Babbage in mehreren Versionen konzipierte Analytical Engine ist die historisch erste programmierbare Rechenmaschine - sie funktionierte rein mechanisch. Vom Funktionsumfang her würde man sie heute eher als programmierbaren Taschenrechner bezeichnen, sie weist aber viele zentrale Merkmale von modernen programmierbaren Computern auf. Charles Babbage gilt daher der Erfinder des Computers. Daß er die Analytical Engine technisch zu seiner Zeit nicht implementierbar waren, weil die nötige Präzision der Bauteile nicht erreichbar war, ist dabei unwesentlich.

Die Analytical Engine war nur "Hardware", es gab kein Betriebssystem und keine Compiler, die man heute für selbstverständlich hält. Sie konnte also nur direkt in Maschinensprache (Assembler) über Lochkarten programmiert werden. Erst rund 100 Jahre später entwickelte Grace Hopper das Konzept höherer Programmiersprachen (statt Assembler) und den ersten Compiler, eine fundamentale und wegweisende Leistung. Konzepte und Notationen höherer Programmiersprachen wie Schleifen oder Unterprogramme waren damals unbekannt, die zugehörigen Compiler waren undenkbar, ebenso fehlte die Erfahrung, wie man komplexe Ablaufstrukturen auf Maschinensprach-Ebene implementiert.

Babbage hat kaum Publikationen über die Analytical Engine verfaßt. Nach Bromley (1982) hat Babbage rund 300 großformatige technische Zeichnungen in seinem privaten Nachlaß hinterlassen, die hunderte Diagramme enthielten, ferner 6000-7000 Seiten in Notizbüchern. Diese Aufzeichnungen sind sehr detailliert und sozusagen auf der Ebene der Mikroprogrammierung, es fehlt leider eine lesbare Darstellung des "user-level"-Befehlssatzes, die von den technischen Details abstrahiert. Bromley (1990) merkt dazu an:

The conclusion seems inescapable that Babbage did not have a firm command of the issues raised by the user-level programming of the Analytical Engine. It would be quite wrong to infer that Babbage did not understand programming per se. The microprogramming of the barrels for multiplication and division show command of the basic branching and looping ideas and his skills in the microprogramming of addition and subtraction show complete virtuosity. It was from this base that Babbage explored the ideas of user-level programming.
Babbages Reifegrad beim user-level programming kann man vor allem aus den Beispielprogrammen, die sich in den privaten Notizen finden, ableiten. Bromley (1982) merkt auf S. 215 hierzu an:
"Some two dozen programs for the Analytical Engine exist dated between 1837 and 1840. Strictly speaking, they are not programs in the modern sense, but are walkthroughs of particular execution instances of programs. In consequence, the mechanism by which the sequencing of operations is obtained is obscure."
Sowohl Babbage als auch Ada Lovelace haben in Fällen, wo ein vorhandener mathematischer Algorithmus in ein Programm umzusetzen war und wo dieser mathematische Algorithmus geschachtelte Schleifen erforderte, diese Steuerstruktur nicht 1:1 im geschachtelte Programmschleifen umgesetzt - das kann man nur mit den Notationsformen höherer Programmiersprachen -, sondern die äußere Schleife "entfaltet". Dabei werden die aufeinanderfolgenden Durchläufe der inneren Schleife hintereinander als Kommandos aufgeschrieben. Dies meint Bromley, wenn er von "walkthroughs of particular execution instances of programs" spricht. Ein Beispiel hierzu von Babbage ist ein "Programm" aus dem Jahr 1838, es berechnet die Koeffizienten des Produkts zweier Polynome (Faksimile s. Wolfram (2015)). Ein weiteres Beispiel ist das legendäre Bernoullizahlen-Programm von Ada Lovelace.

Diese entfalteten Schleifen enden aber nach wenigen Iterationen der äußeren Schleife und sind keine korrekte, allgemeine Implementierung des konzeptuell zugrundeliegenden mathematischen Algorithmus (den man von Hand ausführen könnte). D.h. die eigentliche Herausforderung, komplexe user-level-Ablaufstrukturen, die durch die mathematischen Algorithmen klar definiert waren, programmtechnisch umzusetzen, haben weder Babbage noch Ada Lovelace gemeistert. Neben fehlendem methodischen Wissen kann dabei auch eine Rolle gespielt haben, daß die Analytical Engine offenbar keine geschachtelten Schleifen ausführen konnte.

Die ersten Versionen der Analytical Engine hatten einen ungünstigen Befehlssatz; Babbage verbesserte aufgrund der umständlichen Programmierung den Befehlssatz punktuell. Diese historische Entwicklung im Zeitraum 1837 - 1840 und die 27 in dieser Zeit von Babbage geschriebenen Programme werden in Rojas (2016c) genauer beschrieben.

Die wissenschaftliche Leistung von Babbage

Von weitem betrachtet ist die Analytical Engine so ähnlich wie der Jacquardwebstuhl, also nur eine Maschine, die durch Lochkarten gesteuert wird und statt mit Nadeln und Fäden eben mit Zahlen umgeht. Dies übersieht den entscheidenden Punkt: Addierer, Multiplizierer und andere Rechenwerke sind eine oder zwei Größenordnungen komplexer als ein Jacquardwebstuhl oder andere damals bekannte Maschinen. Vermutlich war die Analytical Engine die mit Abstand komplexeste im Prinzip funktionsfähige Maschine (geplant waren 55.000 Teile), die seinerzeit entworfen wurde.

Daß Babbage als einzelne Person in wenigen Jahren neben anderen Aktivitäten ein derart komplexes System entwickeln konnte, hängt mit einer entscheidenden wissenschaftlichen Leistung zusammen: er löste sich von den damals üblichen mechanischen Zeichnungen bzw. Funktionsdarstellungen und benutzte Ablaufpläne und andere Diagramme, die er "Mechanical Notation" nannte und die die logische Funktion der Maschine beschrieben und von den geometrischen bzw. mechanischen Details abstrahierten. Anders hätte er z.B. zustandsabhängiges Verhalten nicht verstehen bzw. planen können. D.h. er schuf neue, abstraktere Denkkategorien, in denen er die Probleme bei der Konstruktion eines programmgesteuerten Rechenautomaten durchdachte und Lösungen ausarbeitete (s. auch Abschnitt Babbage's Secret Sauce in Wolfram (2015)). Diese Trennung mehrerer Abstraktionsebenen ist heute bei der Entwicklung von digitalen Systemen völlig selbstverständlich, damals war es ein Quantensprung.

Eine weitere entscheidende Innovation von Babbage bestand in der Entwicklung einer einfachen Programmiersprache. Die Lochkarten, auf denen jeweils ein Kommando codiert war, entsprechen zwar nicht dem üblichen Textbegriff, stellen aber trotzdem Texte dar, und zwar maschinell verarbeitbare. Die Wichtigkeit dieser "Kommandosprache" wird leicht unterschätzt: Der Rechnerkern mußte einen Interpreter für Kommandos enthalten, der die auszuführende Operation und die Operanden eines Kommandos identifizierte und dann die Operationausführung startete. Babbage mußte diese Sprache leistungsfähig genug ausgestalten, um die mathematischen Algorithmen, die er maschinell ausführen wollte, auch implementieren zu können. Er muß sich also auch intensiv mit dem Umfang seiner Programmiersprache beschäftigt haben, ein völlig neue Fragestellung in seiner Zeit.

Die bahnbrechende wissenschaftliche Leistung von Babbage lag also nicht nur darin, eine einzelne konkrete datenverarbeitende Maschine entworfen zu haben, sondern auch Methoden, Notationsformen und Architekturen, wie man solche Maschinen überhaupt entwerfen kann. Daß man diese Maschinen dann auch benutzt, um auf Benutzerebene Applikationen zu programmieren, versteht sich von selbst, ist aber im Vergleich zur Konstruktion der Maschine fast Nebensache. Wie sein Biograph Bruce Collier in CHAPTER FIVE - Conclusion gut darstellt, war Babbage seiner Zeit mit diesen Innovationen ein Jahrhundert voraus.

Obwohl Babbage als hochdekorierter Mathematik-Professor wußte, wie man publiziert, hat er fast nichts über die Versionen der Analytical Engine und die Mechanical Notation publiziert, eventuell weil er sie nicht für reif genug hielt. Entwürfe entsprechender Papiere wurden erst später in seinem Nachlaß gefunden.

Babbages Vortrag in Turin, 1840

1840 hielt Babbage einen Vortrag über die Analytical Engine in Turin. Federico Luigi Menabrea, ein italienischer Ingenieur, verfaßte mit Babbages Einverständnis auf Basis dieses Vortrags eine allgemeinverständliche Erklärung der Analytical Engine auf Französisch (Menabrea (1842)). In diesem Text findet man drei Beispielprogramme, die die Funktion der Maschine erläutern.

Ada Lovelace hat 1843 Menabreas Text ins Englische übersetzt (Menabrea (1843)), ist also nicht Autor, sondern nur Übersetzer dieses Textes und der darin enthaltenen Beispielprogramme. Ferner hat sie einen längeren Anhang ("Notes by the translator") selber geschrieben, der in mehreren Anmerkungen den Menabrea-Text vertieft erläutert. Die Anmerkungen sind mit "Note A" bis "Note G" überschrieben und werden üblicherweise als "the Notes" bezeichnet. Dieser Anhang wiederholt und ergänzt Programmfragmente aus dem Menabrea-Text und enthält genau ein neues Programm, das die Bernoullizahlen berechnen soll. Dieses Bernoullizahlen-Programm ist das einzige Programm, das Lovelace (angeblich) alleine geschrieben hat, es wird üblicherweise als Nachweis genannt, Lovelace sei der historisch erste Programmierer.



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Ada Lovelace


Werdegang und Ausbildung

Ada Lovelace wurde am 10. Dezember 1815 geboren als Tochter von Anne Isabella Noel-Byron, 11. Baroness Wentworth, und George Gordon Byron (genannt Lord Byron) geboren. Sie war einzige eheliche Tochter von Lord Byron. Die Eltern trennten sich kurz nach Adas Geburt, was einiges gesellschaftliches Aufsehen erregte. Ada war während ihrer Kindheit häufig und teilweise sehr lange krank. Sie heiratete 1835 William King, der 1838 Earl of Lovelace wurde, sie demzufolge Countess of Lovelace. Zwischen 1836 und 1839 gebar sie 3 Kinder. Ada Lovelace verkehrte regelmäßig am Hof und war selbst für eine Adelige aufgrund Ihres Aussehens und guten Auftretens eine überdurchschnittlich bekannte Person.

Als Mitglied der Oberklasse hatte Ada Kontakt zu vielen Künstlern und Wissenschaftlern, die immer wieder als ihre Lehrer genannt werden. Sie hat offenbar nur Hauslehrer gehabt, nie eine öffentliche Schule oder eine Universität besucht und daher auch keine formalen Prüfungen absolviert. Unklar bleibt, wie intensiv der private Unterricht war, teilweise scheint es sich eher um Briefwechsel gehandelt zu haben. Auf Wunsch Ihrer Mutter bekam sie ungewöhnlich viel Mathematikunterricht. Von Augustus De Morgan, einem ihrer Lehrer, wurde sie als sehr begabt eingestuft. Ada entwickelte vielfältige Interessen, oft erwähnt werden Phrenologie und Mesmerismus, aus heutiger Sicht okkulte Pseudowissenschaften. Wenn man diese breiten Interessen und ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen (die Kindererziehung wurde ggf. auf Personal übertragen) zusammenzieht, bleibt nicht viel Zeit für ein intensives mathematisches Training.

Mathematische Qualifikation von Ada Lovelace

Im Rahmen der Glorifizierung von Ada Lovelace als feministische Ikone wird sie regelmäßig als Mathematikerin bezeichnet, wahlweise sogar als hochqualifizierte oder führende. Für diese These sind aber keine Belege bekannt, z.B. Zeugnisse oder andere Nachweise besonderer mathematischer Leistungen, ebenfalls keine Publikationen mit mathematischem Inhalt. Unklar ist, ob die Berichte über ihre Begabung durch ihre Hauslehrer Gefälligkeitsurteile waren. Laut Stein (1985), die den umfangreichen Briefverkehr von Ada Lovelace mit ihren Lehrern untersucht hat, war aber der jahrelange (Fern-) Unterricht wenig erfolgreich:
At twenty-eight, [...] and after ten years of intermittent but sometimes intensive study, Ada was still a promising "young beginner".
Stein wies anhand der Korrespondenz von Ada Lovelace nach, daß sie grundlegende mathematische Techniken wie Variablensubstitutionen nicht beherrschte und daß Ada Lovelace auch die Analytischen Maschine nur unvollständig und stellenweise falsch verstanden hat. Eventuell waren dies aber nur Flüchtigkeitsfehler. Sie konnte offenbar die mathematischen Formeln, die das Bernoullizahlen-Programm berechnen sollte, nicht selber bestimmen, denn sie bat Babbage darum, ihr diese Formeln zu liefern. Es bestehen daher erhebliche Zweifel, ob die tatsächlichen mathematischen Qualifikation von Ada Lovelace die Bezeichnung "Mathematiker" rechtfertigen und ob sie fähig war, alleine anspruchsvolle mathematische Algorithmen zu entwerfen.

Ada Lovelace und Babbage

Ada Lovelace lernte 1833 Babbage kennen. Babbage war seit 1828 Lucasian Professor of Mathematics in Cambridge, hatte damit eine der prestigeträchtigsten Professuren inne und war ein erfahrener, sehr vielseitiger Forscher, Mathematiker und Erfinder.

Andererseits stand Babbage gesellschaftliche eine ganze Stufe unter der adeligen Ada Lovelace. Obwohl er ein erfolgreicher Professor und Erfinder war, fehlte ihm stets Geld, um die sehr teuren Prototypen seiner Erfindungen zu realisieren. Er war daher immer darauf aus, prominente Unterstützer für seine Projekte zu haben. Ada Lovelace war wegen ihrer Prominenz und Attraktivität für Babbage ein idealer Promotor seiner Projekte. Intellektuell, insb. als Mathematiker und Konstrukteur, war Babbage Ada Lovelace haushoch überlegen, es ist nicht davon auszugehen, daß er wissenschaftlich auf ihre Mithilfe angewiesen war. Die Kooperation zwischen Ada und Babbage muß deutlich in diesem Kontext gesehen werden.

Die Kooperation von Ada Lovelace und Babbage

Ada Lovelace scheint eine wissenschaftliche Karriere angestrebt zu haben. Ein damals typischer Einstieg war die Übersetzung von wichtigen etablierten Werken. Ada Lovelace bot daher Babbage an, Menabrea (1842) ins Englische zu übersetzen. Dies führte zu einer über viele Monate dauernden intensiven Kooperation der beiden. Ada Lovelace sah sich dabei eindeutig in der Rolle des Berichterstatters und Erklärers der Konzepte der Analytical Engine, dies wird in Wolfram (2015) mit vielen Zitierungen der Korrespondenz belegt.


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Unterstellte wissenschaftliche Beiträge von Ada Lovelace


Alleinautorenschaft der Notes

Den Untertitel von Menabrea (1843) "With notes by the Translator Ada ..." kann man als Anspruch auf alleinige Urheberschaft (und nicht nur vollwertige Mitautorenschaft, die niemand infrage stellt) der Notes verstehen, dies wird aus interessierten Kreisen auch regelmäßig so verstanden.

Sofern man die heute gültigen, strengen Zitiervorschriften zugrundelegt, hat Ada Lovelace mit diesem Anspruch eindeutig die wesentlichen Beiträge von Babbage zu den Notes verschwiegen. Da sich die Notes aber intensiv auf den Menabrea-Text beziehen und auf diesem aufbauen, ist ein solcher Anspruch auf alleinige Urheberschaft der Notes sowieso seltsam und unsinnig. Er war auch höchstwahrscheinlich nicht von ihr intendiert gewesen und auch von Babbage nicht so verstanden worden (sofern man Babbage nicht unterstellt, daß er seine Mitwirkung an den Notes bewußt verheimlicht hat, weil er durch die offizielle Alleinautorenschaft von Ada Lovelace ihre werbliche Unterstützung seiner Projekte kompensieren wollte).

Es bestehen daher gravierende Zweifel, ob Ada Lovelace die "Notes" und speziell das Bernoullizahlen-Programms alleine verfaßt hat. Der Historiker Bromley (1990) verneint die inhaltliche Autorenschaft eindeutig:

Ada Lovelace has sometimes been acclaimed as the "world's first programmer" on the strength of her authorship of the notes to the Menabrea paper. This romantically appealing image is without foundation. All but one of the programs cited in her notes had been prepared by Babbage from three to seven years earlier. The exception was prepared by Babbage for her, although she did detect a "bug" in it. Not only is there no evidence that Ada Lovelace ever prepared a program for the Analytical Engine but her correspondence with Babbage shows that she did not have the knowledge to do so.
Die Einschätzung von Bromley, daß Ada Lovelace fachlich nicht in der Lage war, selber komplexe Programme zu schreiben, und daß sie beim Schreiben der Notes eher die Rolle eines Redakteurs hatte, der von Babbage instruiert wurde, wird auch von Rojas (2016a) unterstützt. Er weist hier auf erhebliche Fehler in der Ablaufsteuerung des Bernoullizahlen-Programms hin: Eine Reihe wesentlicher Sprunganweisungen fehlt, das Programm terminiert offensichtlich nicht, und
Ada geht im Text davon aus, dass das Programm an diesen Stellen einfach den jeweils richtigen Weg einschlägt.
Babbages Biograph Bruce Collier gibt in seiner Dissertation (Collier (1970)), die auf umfangreicher Quellenforschung basiert, den Ablauf der Entwicklung der Analytical Engine in vielen Zitaten wieder und bemerkt zu Ada Lovelace:
In the summer of 1843, Menabrea's paper was translated by Ada ...; she composed, in extensive consultation with Babbage, a series of long notes to the paper ... . The whole was published in Richard Taylor's Scientific Memoirs for 1843, [92] under the title "Sketch of the Analytical Engine invented by Charles Babbage, Esq;" this was the only extensive paper on the Analytical Engine published in English during Babbage's life, or, indeed, up to the present. Although it is clear that Lady Lovelace was a woman of considerable interest and talent, and it is clear that she understood to a very considerable degree Babbage's ideas about the general character and significance of the Analytical Engine, and expressed them well in her notes to Menabrea's paper, it is equally clear that the ideas were indeed Babbage's and not hers; indeed, she never made any claim to the contrary. She made a considerable contribution to publicizing the Analytical Engine, but there is no evidence that she advanced the design or theory of it in any way. And she did not even express an interest in learning about the machine until January 5, 1841, [93] even as late as June 30, 1843, she apparently knew quite little about the mechanical details of the Engine. [94]

Erstautorenschaft eines Programms

Unstrittig ist, daß Babbage schon Jahre vor Ada Lovelace Programme geschrieben, aber bis auf die Beispiele in Menabrea (1842) nicht veröffentlicht hat. Bromley (1982) hierzu auf S. 197:
"... there are several dozen sample programs prepared between 1837 and 1840 (all, incidentally, substantially predating the preparation of Ada Lovelace's notes, which incorporate several of them)."
Selbst wenn man sich nur auf den Menabrea-Text bezieht, sollte auffallen, daß die im Vortrag von Babbage benutzten Beispielprogramme offensichtlich vor dem Bernoullizahlen-Programm entstanden sind und publiziert wurden.

Um den Innovationsanspruch von Ada Lovelace zu retten, wird regelmäßig argumentiert, diese früheren Programme seien "zu einfach" und Ada Lovelace sei der erste, der ein "komplexes" Programm geschrieben (wir reden hier von ca. 25 Zeilen) und publiziert habe. Ein längeres, "komplexes" Programm ist allenfalls hinsichtlich der Ablaufsteuerung qualitativ anspruchsvoller als ein sehr kurzes Programm. Die Länge des Bernoullizahlen-Programms ist aber in erster Linie durch die Entfaltung der äußeren Schleife verursacht, die einzelnen Schleifendurchläufe sind wiederum relativ kurz. Rojas (2016a) weist ferner in der Ablaufsteuerung des Bernoullizahlen-Programm gravierende Lücken nach. Dies sind keine Flüchtigkeitsfehler, es kann als ausgeschlossen gelten, daß Ada Lovelace imstande war, diese Lücken zu füllen, oder daß sie die hier benötigten Prinzipien der Ablaufsteuerung verstanden hätte. (Babbage übrigens auch nicht, denn andernfalls hätte er dies vermutlich verbessert.)

Erfindung grundlegender Konzepte der Computerprogrammierung bzw. von Programmiersprachen

Vielfach wird behauptet, Ada Lovelace habe "grundlegende Konzepte der Programmierung" erfunden, wobei offen bleibt, welche Konzepte hier gemeint sind.

Oben wurde schon im Abschnitt Algorithmen vs. Computerprogramme dargestellt, daß sogar ziemlich fortgeschrittene Konzepte der verbalen Formulierung von Algorithmen aus der Mathematik altbekannt waren, z.B. das Konzept einer Schleife. Im Abschnitt über die wissenschaftliche Leistung von Babbage wurde deutlich, daß Babbage durch den Befehlssatz eine komplette Programmiersprache definiert und einen Interpreter dafür implementiert hatte. Damit waren auch die grundlegenden Konzepte der Programmierung dieses Rechners abschließend definiert. Seine eigenen Programme und die von Ada Lovelace mußten mit diesen Konzepten auskommen.

Ada Lovelace konnte keine weiteren "Konzepte der Programmierung" erfinden, um sie in ihren Programmen zu nutzen: dies hätte wesentliche Erweiterungen des Rechnerkerns erfordert. Sie hat im Bernoullizahlen-Programm an einer Stelle, wo sie ein mächtigeres Schleifekonzept gebraucht hätte, verbal beschrieben, daß Anweisungen wiederholt werden müssen, an anderer Stelle eine mathematische Mengenklammer, die außerhalb der Syntax der Lochkarten liegt, verwendet. Letztlich ist sie damit auf die altbekannte "mathematische Sprache der Algorithmenformulierung" zurückgefallen, sie hat damit kein Programmiersprachen-Konzept entwickelt.

Beiträge zur Künstlichen Intelligenz

Note G enthält eine oft zitierte Bemerkung, die Analytical Engine könne nichts erfinden oder wie ein Mensch kreativ sein, sondern müsse programmiert werden:
The Analytical Engine has no pretensions whatever to originate anything. It can do whatever we know how to order it to perform. It can follow analysis; but it has no power of anticipating any analytical relations or truths.
Diese Bemerkung wird zum Teil so interpretiert, sie habe (besser als Babbage) die Bedeutung und die prinzipiellen Beschränkungen einer algorithmischen Maschine erkannt. Allerdings hatte Babbage schon 1841 in einem Papier "Of the Analytical Engine" (s. Collier (1970), Kap. 3) genau diese Möglichkeiten und Limitationen eines programmierbaren Rechenautomaten sehr genau ausgedrückt:
... to state what it cannot accomplish. It cannot invent. .... It cannot in fact do anything more than perform with absolute precision and in much shorter time those series of operations which the hand of man might itself much more imperfectly accomplish.
Ferner findet sich sogar im übersetzten Menabrea-Papier ein entsprechender Satz:
... for the machine is not a thinking being, but simply an automaton which acts according to the laws imposed upon it.
mit dem Menabrea (also letztlich Babbage) dem staunenden Publikum klar machte, daß diese neue Maschine zwar rechnen, aber keinen denkenden Menschen ersetzen kann. Aufgrund der engen Kooperation von Babbage und Ada Lovelace ist davon auszugehen, daß ihre Bemerkung tatsächlich nur eine Reproduktion des 1841er Papiers von Babbage und der analogen Aussage im Menabrea-Papier und damit indirekt von Babbages Vortrag in Turin ist.

Unabhängig davon, wer nun die prinzipiellen Beschränkungen eines Computers zuerst formuliert hat: Sofern man die Äußerungen nicht auf die geringe Rechenleistung der Analytical Engine bezieht, sondern als prinzipelle Bemerkung zum intellektuellen Potential von Computern, haben beide die Fähigkeiten heutiger KI-Systeme durchaus unterschätzt. Sie lagen also mit ihrer nicht genau qualifizierten Einschätzung mehr oder weniger falsch, weil sie den Begriff "Intelligenz" nicht genug durchdrungen hatten und sich die qualitativen Auswirkungen einer milliardenfach höheren Rechnerleistung nicht vorstellen konnten.

Ferner ist eine bloße Einschätzung keine echte wissenschaftliche Leistung: Wenn man sich nicht vorstellen kann, wie ein Problem zu lösen ist, dann beweist das nicht, daß keine Lösung existiert.

Ada Lovelace als Visionär

In diversen Quellen wird Ada Lovelace auch zugesprochen, als erste das weitreichende Potential der Analytical Engine und damit moderner Computer erkannt zu haben. Belegt wird dies durch Andeutungen bzw. Visionen in den Notes, die Maschine könne auch symbolische Berechnungen durchführen, Bilder verarbeiten oder Musik komponieren. Note A enthält z.B. den Satz:
Supposing, for instance, that the fundamental relations of pitched sounds in the science of harmony and of musical composition were susceptible of such expression and adaptations, the engine might compose elaborate and scientific pieces of music of any degree of complexity or extent.
Diese These steht, wenn man Musikkomposition als kreativen Akt versteht, in klarem Gegensatz zur vorherigen These, ein Recher könne nicht kreativ sein. Um den offensichtlichen Widerspruch zwischen den beiden Aussagen aufzulösen, kann man vermuten, daß Ada Lovelace nicht verstand, was sie da schrieb, oder daß die These von der Musikkomposition mit sehr einschränkenden Annahmen zu verstehen ist, oder daß sie jede Gelegenheit blindlings nutzte, der Analytical Engine (gemäß ihrer hochtrabenden Selbstbezeichnung "analytisch") ein nach oben offenes Potential zu bescheinigen. Für letzteres spricht, daß Ada Lovelace sich als "Verkäufer" und Promotor der Erfindungen von Babbage verstanden hat.

Helmut Schmidt fand: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." Wenn Visionen und Andeutungen mehr sein sollen als wilde Spekulationen, die jeder Klatschreporter anstellen kann, dann müßten zumindest Lösungansätze mitgeliefert werden, wie die Vision realisiert werden kann. Dies ist hier nicht der Fall. Wegen der weitgehenden Unkenntnis der internen Funktionsweise der Analytical Engine dürfte Ada Lovelace unklar gewesen sein, daß symbolische Berechnungen weit jenseits der Möglichkeiten einer mechanischen Rechenmaschine liegen. Wegen der fehlenden mathematischen Bildung dürfte sie ferner die Schwierigkeit symbolischer Berechnungen radikal unterschätzt haben. Im Endeffekt kann man ihre "Visionen" nicht als qualifierte Prognosen des langfristigen Potentials programmgesteuerter Rechner ansehen.

Gesamteinschätzung der Leistungen von Ada Lovelace

Eine halbwegs unvoreingenommene Bewertung von Ada Lovelace und ihren wissenschaftlichen Leistungen würde sie als guten Wissenschaftsreporter oder als Mitglied einer Forschungsgruppe einstufen. Diverse Biographen von Babbage oder von Ada Lovelace, die die Originalquellen intensiv studiert haben, finden keine Hinweise auf eine signifikante eigenständige wissenschaftliche Leistung ihrerseits. Die These, Ada Lovelace sei die alleinige oder auch nur dominierende Erfinderin "des Programmierens" oder gar Miterfinderin der Analytical Engine, sind unhaltbar und stammen durchweg von Personen, die keine eigene Quellenforschung betrieben haben.

Andererseits wird der Satz von Collier "She made a considerable contribution to publicizing the Analytical Engine." in seiner Bedeutung leicht unterschätzt: Ohne die Initiative von Ada Lovelace gäbe es die Notes nicht. Der Text ist zwar nur 25 Seiten lang, sie hat aber rund ein halbes Arbeitsjahr in das Schreiben investiert und durch eine Vielzahl von Rückfragen bei Babbage diesen genötigt, genauere Angaben zu machen und seine Gedanken zu schärfen. Damit ist sie zwar nicht Alleinautor, aber ein vollwertiger Mitautor dieser zentralen Publikation. Ob die orginale französische Version des Menabrea-Textes auch nur entfernt die gleiche Rezeption erhalten hätte wie die englische Version mit den Notes, ist zu bezweifeln. Ada Lovelace hat sich also Verdienste erworben, die man nicht kleinreden sollte, nur weil ihr 100 Jahre später andere, nicht zutreffende Leistungen angedichtet werden.



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Entstehung des Ada Lovelace-Hypes


Ada Lovelace war zwar gesellschaftlich in London eine bekannte Person, aber keine wissenschaftliche Persönlichkeit und auch keine zeitgeschichtlich relevante Persönlichkeit. Sie wandte sich ab ca. 1844 anderen Interessen zu und starb nur wenige Jahre später, während Babbage noch jahrzehntelang mit Unterbrechungen an der Weiterentwicklung der Analytical Engine arbeitete. Ada Lovelace geriet daher zu Recht in Vergessenheit. Erst in den 1950er Jahren wurde man wieder vereinzelt auf sie bzw. die Notes aufmerksam.

Alan Turing erwähnte 1050 in seinem grundlegenden Text über künstliche Intelligenz Computing Machinery and Intelligence - in dessen 1. Abschnitt er übrigens das Imitation Game vorstellt - u.a. die Notes. Als einen von 9 Einwänden, daß Maschinen nicht intelligent sein können, zitiert er die schon oben erwähnte Passage The Analytical Engine has no pretensions whatever to originate anything ... und bezeichnet sie als "Lady Lovelace's Objection". Mangels Quellenkenntnis konnte er nicht wissen, daß diese Einschätzung tatsächlich von Babbage stammt. Turing widerspricht der Einschätzung von Ada Lovelace (und indirekt Babbage), er hält sie für falsch. Dies hindert feministische Aktivisten keineswegs daran, das Turing-Zitat als Evidenz dafür zu zitieren, wie weitsichtiug und bedeutend die Ansichten von Ada Lovelace waren.

Das entscheidende Ereignis, das Ada Lovelace weltweit bekannt machte, war die Benennung der neuen Standard-Programmiersprache des US Departments of Defense (DoD) nach ihr. Das DoD hatte 1975 mit der Planung der neuen Sprache begonnen. 1979 gewann ein Team um den Franzosen Jean Ichbiah einen entsprechenden Wettbewerb, die Gewinnersprache wurde dann zu Ada umbenannt. Die Benennung der neuen Sprache nach der damals praktisch unbekannten Ada Lovelace war eindeutig eine feministische Geste.

Die Promotion, die Ada Lovelace durch die Programmiersprache Ada bekam, führte zu einer Vielzahl von Frauenförderprojekten, die nach Ada Lovelace bekannt wurden, zu Vereinen, die ihr Andenken pflegen, zu einem Ada Lovelace Day (der jährlich in der 2. Oktoberwoche stattfindet, in 2016 am 13.10.) und zu Ada Lovelace Awards. Ada Lovelace avancierte zu einer regelrechten Kultfigur (heilig gesprochen wurde sie allerdings noch nicht) und feministischen Ikone.

Die finanziellen und emotionalen Investments in die Marke Ada ab den 1980er Jahren sind so gigantisch, daß ein Wechsel dieser Marke völlig ausgeschlossen ist und die historische Person Ada Lovelace notfalls mit Gewalt bzw. direkten Geschichtsfälschungen an die Erfordernisse angepaßt werden muß.



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Typische Falschaussagen und rhetorische Tricks


Ada Lovelace wird heute in tausenden Artikeln als Erfinderin des Programmierens genannt und mit weiteren Attributen faktenwidrig glorifiziert. Nachfolgend einige Beispiele, die aktuell oder neueren Datums sind. Man kann sie in drei Gruppen einteilen:
  1. direkte Falschaussagen über Ada Lovelace,
  2. rhetorische Tricks, also Aussagen, die wörtlich nicht falsch sind, aber eine falsche Aussage suggierieren,
  3. allgemeine Glorifizierungen und Vergleiche mit anderen herausragenden Persönlichkeiten.
In die Bewertung dieser Falschaussagen sollte einfließen, daß die Dissertation von Bruce Collier, die alle wesentlichen Anpreisungen von Ada Lovelace widerlegt, schon 1970 erschien. Die 1985 erschienene Biographie Stein (1985) wird zwar oft zitiert, inhaltlich dann aber schlicht ignoriert. D.h. vielen feministischen Aktivisten sind die historischen Fakten und die Gegendarstellungen zur eigenen Propaganda durchaus bekannt, werden aber systematisch ignoriert oder unter fadenscheinigen Vorwänden als irrelevant abgetan.

Falschaussage: "She is the world's first computer programmer"

findet die Ada Initiative, übrigens als dummdreiste Antwort auf Diskussionen, man müsse Ada Lovelace aus der Geschichte der Informatik streichen.

https://anydayguide.com/calendar/2617, ein Kalendereintrag für den "Ada Lovelace Day", behauptet "Ada Lovelace, a prominent English mathematician, known as the first programmer". Also Erstautor aller Programme.

Aber da geht noch mehr, dachte sich viele Autorinnen und legten noch eine Schippe drauf, oder gleich mehrere, womit wir z.T. bei absurden Glorifizierungen landen. Beispiele:

  • Ada Lovelace war ganz einfach der Anfang der Programmierung in allen Sprachen der Welt.
  • Teresa Nauber in der Welt meint: "Die beiden Wissenschaftler [!] arbeiteten von nun an gemeinsam die Programmiergrundlagen für Babbages Maschinen aus." Eigentlich geht wohl auch Babbages Arbeit und die gesamte Informatik auf Ada Lovelace zurück.
  • einstieg-informatik.de schreibt "Die Analytikerin [!] und Computerpionierin [!] Ada Lovelace beschrieb die grundlegenden Konzepte [!] der Computerprogrammierung und die Bausteine, die in jeder [!] Computersprache benötigt werden." Grundlegenden Konzepte der Algorithmik wie Schleifen kennt man seit 2000 Jahren,
  • Man könnte sagen, Ada hat hier die Informatik vorhergesagt ("hier" bezieht sich auf oben zitierten Visionen). Man sollte es aber besser nicht sagen.

Rhetorischer Trick: "Ada Lovelace hast als Erste ein komplexes Programm geschrieben."

Mit "Programm" ist das Bernoullizahlen-Programm gemeint. Der rhetorischer Trick besteht hier darin, willkürlich zwischen "komplexen" und "nicht komplexen" Programmen zu unterscheiden, ohne Kriterien für die Abgrenzung anzugeben. Babbage hat vor Ada Lovelace ebenfalls wenigstens ein Programm geschrieben, das "komplexer" als die sonstigen kleinen Programme war.

Autoren solcher Behauptungen war vermutlich bewußt, daß Babbage lange vor Ada Lovelace diverse Programme geschrieben hat, man kann also eine Täuschungsabsicht unterstellen.

Mit "Programm geschrieben" wird ferner suggeriert, das Bernoullizahlen-Programm sei von ihr alleine verfaßt worden. Diese alleinige Urheberschaft trifft nicht zu, sie wurde von Babbage dabei wesentlich unterstützt.

Rhetorischer Trick: "Ada Lovelace hast als Erste ein komplexes Programm veröffentlicht."

Ebenfalls eine Behauptung der deutschen Wikipedia. Formal ist dies insofern richtig, als Ada Lovelace als alleiniger Autor der "Notes" in Menabrea1843 genannt wird. Verschwiegen wird dabei, daß sie damit gegen heute übliche Zitiervorschriften verstoßen hat und daß sie eigentlich die Mitwirkung von Babbage erwähnt haben müßte.

Falschaussage: "Sie entwarf Konzepte zur Programmierung einer mechanischen Maschine,..."

... wird in frauen-informatik-geschichte.de behauptet. Kann man dazu ein Beispiel nennen? Also wenigstens ein Konzept, das damit adressierte Problem der Programmierung und die Lösungsidee? Wie schon oben erwähnt haben weder Ada Lovelace noch Babbage Konzepte höherer Programmiersprachen entworfen, was hier suggeriert wird.

Rhetorischer Trick: "The engine was never completed so her program was never tested."

Diese Aussage in der englischen Wikipedia wirkt auf den ersten Blick selbstverständlich und überflüssig, dient aber einer Täuschung. Die Aussage "The engine was never completed" ist korrekt, die Aussage "her program was never tested" ist vermutlich korrekt bezogen auf Lovelace selber, allerdings der Kausalzusammenhang "so her program was never tested." ist falsch. Testen kann man Programme auch im Kopf, indem man selber den Ablauf gedanklich simuliert und ggf. Fehler identifiziert - das machen Programmierer ständig.

Es geht hier um die Frage, ob das Ada Lovelace zugeschriebene Programm auch richtig funktioniert, denn andernfalls wäre es kein ausführbares Programm, also kein Programm im engeren Sinn, sondern nur ein Text bzw. unfertiger Rohling, der keine Programmierkompetenz belegt. Man hätte auch berechtigte Zweifel, ob sie verstanden hat, was sie da aufgeschrieben hat. Das Programm weist in der Tat erhebliche Fehler auf, s. Rojas (2016).

Der rhetorischer Trick besteht hier darin, 1. einem Leser zu suggerieren, man könne ein Programm nur durch Ausführung in einem Rechner testen, und 2. mit dem so eingeschränkten Testbegriff die dem Leser eventuell bekannten Fehler auf die fehlende Testmöglichkeit zurückzuführen. Dabei wird weiter ohne Beweise unterstellt, daß Ada Lovelace, wenn sie die Fehler bemerkt hätte, imstande gewesen wäre, das Programm zu korrigieren. Hieran bestehen ganz erhebliche Zweifel.

Falschaussage: "Lady Lovelace's Objection war ein wissenschaftlicher Beitrag"

Dies findet u.a. die deutsche Wikipedia, indem sie diesen als wissenschaftlichen Beitrag von Ada Lovelace listet. In Klammern erwähnt sie vorsichtshalber "Turings Widerspruch dagegen", aber wer ist schon Alan Turing? Und wer mit falschen Thesen andere Forscher dazu veranlaßt, diese zu widerlegen, hat ja auch irgendwie zur Wissenschaft beigetragen, oder? Dieses absurde, aber für Außenstehende nicht durchschaubare Argumentationsmuster verwendet auch findingada.com (s. Abschnitt "A computing legacy").

Falschaussage: "Ada Lovelace war eine (britische) Mathematikerin."

Dies behaupten die deutsche Wikipedia und zahllose andere Quellen. Wenn man die gängige Begriffsdefinition von "Mathematiker" zugrundlegt, hatte Ada Lovelace nicht die Qualifikation eines Mathematikers. Die Behauptung ist unbewiesen und von den Analysen von Dorothy Stein widerlegt.

Die Biographie http://www.biography.com/people/ada-lovelace-20825323 behauptet ähnlich: "Through Babbage, Ada began studying advanced mathematics with University of London professor Augustus de Morgan." Was ist "advanced mathematics", und hat sie mit Erfolg studiert?

Glorifizierung: "Ada and her counterpart Charles Babbage"

Googles Kalendereintrag https://www.google.com/doodles/ada-lovelaces-197th-birthday behauptet allen Ernstes "Augusta Ada King, countess of Lovelace, along with her counterpart Charles Babbage, were pioneers in computing". Das geht jetzt zu weit. Ada Lovelace auf eine Stufe mit Charles Babbage, der sich gerade im Grabe umdreht, zu stellen, ist absurd.

Glorifizierung: "Ada Lovelace war Wegbereiter für Alan Turing"

Findet z.B. der Telegraph. Welchen Weg hat Ada Lovelace für Alan Turing bereitet?

Rhetorischer Trick: "Ada Lovelace is often referred to as the first computer programmer."

Diese vielfach benutzte Formulierung ist korrekt, Ada Lovelace wird tatsächlich sehr häufig, sogar fast überall als erster Programmierer angesehen, bei einer großen Lüge glauben ganz viele das Falsche. Daraus, daß viele etwas meinen, kann man aber nicht nicht schlußfolgern, daß es auch zutrifft. Der rhetorischer Trick besteht hier darin, diese falsche Schlußfolgerung zu suggerieren. Daß hier das Argumentum ad populum als rhetorischer Trick benutzt wird, ist ein klares Indiz dafür, daß wir es mit einer großen Lüge zu tun haben.



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Literatur




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Samstag, 20. August 2016

Zerrbilder von Männern


Update: Der hier besprochene Artikel ist inzwischen unter http://www.zeit.de/2016/34/genderforschung-maennlichkeit-master-usa-michael-kimmel-feminismus/komplettansicht frei zugänglich, leider ohne das Bild der verzerrten Statue. Die Kritikpunkte können nun durch Verweise auf entsprechende Textstellen, die man ggf. im Kontext des Artikels lesen bzw. überprüfen kann, belegt werden. Daher wurde noch ein Anhang mit einer detaillierten Textanalyse ergänzt, in deren Rahmen auch einige interessante Einschätzungen der Gender Studies zitiert werden.


Inhaltsübersicht
   1 Ein Zerrbild
   2 Die Hauptfigur
   3 Die Botschaft
   4 Das Forschungszentrum Männer und Männlichkeiten
   5 Der "Master in Männlichkeiten"
   6 Fazit
   7 Quellen
   8 Detaillierte Textanalyse
   9 Einschätzung der Gender Studies

Aktuell bringt das Phänomen "Donald Trump" das Thema böse Männer wieder in den Vordergrund - dies dürfte ein Motiv für die ZEIT, einem führenden feministischen Zentralorgan, gewesen sein, in der Ausgabe vom 11.08.2016 immerhin fast die ganze Seite 61 dem Thema böse Männer und deren feministischer Erforschung zu widmen. Der von Grönemeyer entlehnte Titel des Artikels von Mounia Meiborg "Wann ist ein Mann ein Mann?" paßt nicht ganz exakt zum Inhalt, denn er reitet eher auf dem Stereotyp vom irritierten Mann herum (der eigentlich so irritiert ist, daß er schon gar nicht mehr weiß, ob er böse sein wollen darf).

Ein Zerrbild

Schon eher zum Inhalt paßt ein großes Bild, das fast die Hälfte der Seite einnimmt. Es zeigt eine männliche Statue, das Bild ist allerdings im Bereich von Bauchnabel bis Knie abwechselnd abrupt nach links und rechts verschoben, die arme Statue ist dadurch optisch stark verzerrt. Wohlwollend interpretiert und durchaus zutreffend deutet das Bild an, daß heutzutage von allen Seiten an "dem Mann als solchem" herumgezerrt wird und er sich furchtbar verbiegen muß, um allen widersprüchlichen Anforderungen gerecht zu werden. Eine andere Interpretation drängt sich auf, wenn man den feministischen missionarischen Eifer der ZEIT kennt und weiß, daß dort üblicherweise ein Zerrbild von Männern und Männlichkeit gezeichnet wird.

Die Hauptfigur

Wo wir gerade beim Zeichnen von Zerrbildern von Männern sind: der vielleicht bekannteste international bekannte männliche Spezialist hierfür ist Michael Kimmel. Er ist die Hauptfigur im Meiborg-Artikel, einer der bekanntesten Professoren der Gender Studies und u.a. Autor des Buchs The Gendered Society, das inzwischen in 5 Auflagen erschienen ist. Cathy Young weist in diesem Buch erhebliche Fehler, im einzelnen sogar frei erfundene Behauptungen über Männer nach, die in analoger Form bei Frauen als pure misogyne Hetze gelten würden. Young kommt zum Fazit "The Gendered Society is widely used in college courses. And if it is indeed the most balanced gender studies textbook available - which may well be true - that says a lot about the rest."

Die Hetze gegen Männer in "The Gendered Society" ist symptomatisch und keine Ausnahme, hier, hier oder hier findet man viele weitere Beispiele. Damit ist Kimmel natürlich bestens qualifiziert für regelmäßige glorifizierende Darstellungen in der ZEIT, neben dem hier besprochenen Text z.B. in einem sehr zuvorkommenden Interview oder hier, hier, hier oder hier, wo die umstrittenen Thesen von Kimmel als eherne Weisheiten zitiert werden.

Die Botschaft

Der Artikel stand in der Rubrik "Chancen", was thematisch wohl eine Mischung von Themen wie Bildung, Arbeitsmarkt, Diskriminierung u.ä. andeuten soll. Wie schon einleitend erwähnt kommen Teile des Artikels unheilschwanger daher und erwähnen mit Bezug auf den Lieblingsfeind Donald Trump, daß es immer mehr böse Männer gibt, diese immer aggressiver werden (in Talk-Shows zumindest, nicht gemeint sind Männer auf dem Kölner Hauptbahnhof) und "mit voller Wucht auf die politische Bühne drängen". Dramaturgisch wendet sich das Blatt in der zweiten Hälfte des Artikels zum Guten, denn hier wird über die Erforschung der bösen Männer durch Herrn Kimmel und sein Center for the Study of Men and Masculinities und über den "Master in Männlichkeit" (um Verständnisfehlern vorzubeugen: hier geht es nicht um Pick-Up-Techniken) berichtet.

Das Forschungszentrum Männer und Männlichkeiten

Als Maskulist findet man die Absicht, Männer zu erforschen, prinzipiell gut - diese Forschung sollte dann aber seriös und ergebnisoffen sein. Ein Blick auf die Seite Media Coverage des Kimmel-Instituts zeigt aber sehr deutlich, wo der Hammer hängt: dort gelistete Texte wie 12 Ways Masculinity is Actually Killing Men, Why feminism is good for men oder On What Men Have To Gain From Feminism, verfaßt u.a. von bekannten Radikalfeministinnen wie Gloria Steinem und natürlich auch Kimmel selber, haben mit wissenschaftlicher Erforschung von Männern nichts zu tun. Diese Texte sind klassische feministische Propaganda. Eine Liste wissenschaftlicher Publikationen in referierten Zeitschriften, üblicherweise der Stolz jedes Forschungsinstituts, ist seltsamerweise nicht zu finden, obwohl das Zentrum schon gut 3 Jahre existiert.

Ein Blick auf die Zusammensetzung des Direktoriums und des Steering Committees bestätigt den Eindruck, daß hier niemand Zutritt hat, der nicht ausgewiesener Feminist ist.

Der "Master in Männlichkeiten"

Der Meiborg-Artikel hat den Untertitel: "Eine amerikanische Universität bietet jetzt einen Master in Männlichkeit an." Im Text des Artikels wird der Eindruck erweckt, daß eine Gruppe von 20 Studenten an einem Seminar über die "Soziologie des Geschlechts" im Rahmen dieses Studiengangs teilnimmt.

Schon rein sprachlich ist "Master in Männlichkeit" grauenhaft, analog würde man einen Masterstudiengang Elektrotechnik als Master in Elektrizität bezeichnen. Diese sprachliche Schlampigkeit ist leider auch charakteristisch für die inhaltliche Schlampigkeit des Artikels: es wäre schon sinnvoll gewesen, die korrekte Bezeichnung des Masterstudiengangs zu verraten, oder sogar einen Link auf die Webseite des Studiengangs, nur für den Fall, daß jemand (wie ich) nachsehen will, aus welchen Fächern oder Modulen das Curriculum aufgebaut ist, wer die Dozenten sind, wie teuer die Studiengebühren sind usw.

Dummerweise findet man keine Informationen über einen derartigen Studiengang der Stony Brook University im Netz, wenn man nach entsprechenden Stichworten sucht. Auch die Webseite des Kimmel-Zentrums enthält keine Hinweise, wo und wie man sich in den angekündigten Studiengang immatrikulieren kann.

Laut einer vielzitierten Pressenotiz der Stony Brook University vom 20.05.2013 entwickelt das Zentrum "a new Master of Arts program in Masculinity Studies scheduled to begin in fall 2017". Es wäre sehr überraschend, wenn der Master-Studiengang, dessen Inhalte offenbar noch nicht ganz feststanden, statt in 4.5 Jahren schon in 2.5 Jahren entwickelt und akkreditiert wurde. Alleine die formelle Akkreditierung eines neuen Studiengangs dauert typischerweise ein Jahr. Es widerspricht auch jeder Lebenserfahrung, daß eine amerikanische Universität einen Studiengang derart gut im Netz vor Google versteckt und bei der Neueinrichtung keine Werbekampagne mit Pressenotizen usw. startet.

Es deutet also alles darauf hin, daß der Studiengang noch nicht existiert, die entsprechende Behauptung des Artikels falsch ist und die geschilderten Studenten irgendetwas anderes studieren. Ein Minimum an investigativem Journalismus hätte die Unauffindbarkeit des Studiengangs bemerken oder zumindest hinterfragen müssen.

Fazit

Insgesamt ist der Artikel klassische feministische Desinformation. Zu den Themen, die der Titel andeutet oder auf die sich der Inhalt faktisch konzentriert, erhält man keine belastbaren Informationen - eine zentrale Angabe ist höchstwahrscheinlich objektiv falsch -, schon gar keine neuen und aktuellen. Stattdessen wird mit anekdotenhaften Histörchen dargestellt, wie gut und edel die Studenten der Gender Studies sind und wie wichtig und alternativlos diese Studien sind. Großenteils ist das ein Wohlfühltext für das feministische Stammpublikum, das eine regelmäßige Erhaltungsdosis an Nachrichten braucht, wie schlimm die bösen Männer sind und daß die Erlösung von dieser Plage der Menschheit durch den Feminismus und die Gender Studies kommen wird. Amen.

Quellen



Detaillierte Textanalyse

Der Hauptkritikpunkt an dem Artikel, i.w. klassische feministische Desinformation bzw. Propaganda zu verbreiten, kann mit einer langen Liste von Textstellen belegt werden. Bei einem Netto-Inhalt von ca. 3 Druckseiten bzw. 150 Zeilen weist die unten folgende Liste - die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt - ca. 5 Stellen pro Seite nach, die Intensität der Propaganda ist also erheblich.

In den Belegstellen kommen viele gängige feministische Argumentationsmuster und Propagandatechniken zum Einsatz. Insofern ist diese Textanalyse auch eine gute Übung im Erkennen von derartiger Desinformation.

Es ist sinnvoll, den Text zunächst ganz lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden und danach die eigene Textrezeption mit der hier dargestellten zu vergleichen.

Die nachfolgend zitierten Textstellen erscheinen in dieser Reihenfolge im Text.

  1. Michael Kimmel erzählt oft ..
    Kimmel wird als eine hochvertrauenswürdige, in den Medien präsente Person eingeführt. Daß er hochumstritten und u.a. wegen seiner nachgewiesenen Falschaussagen über Männer als fanatischer Männerhasser gilt, wird verschwiegen.
  2. Männer hielten ihre gesellschaftlichen Privilegien für normal und wollten, daß sie weiter bestünden, sagt Kimmel. Doch dieser Anspruch ...

    Hier und an vielen Stellen im Text wird mit der Hypnose- (bzw. Propaganda-) Technik Ambiguität gearbeitet. Wer alles sind "die Männer"? Welche "Privilegien" haben Männer? (etwa die Wehrpflicht?)

    Das Zitat enthält die implizite pauschale Aussage, Männer seien ein privilegiertes Geschlecht, wobei der Begriff privilegiert in diesen Kontexten stets als "zu Unrecht privilegiert" zu verstehen ist. Die implizite Aussage ist soziologisch betrachtet grober Unsinn, diese Falschbehauptung ist klassische feministische Propaganda.

    Auch wenn die Aussage nur als Zitat einer Person präsentiert wird, macht sich der Artikel diese Aussage trotzdem zu eigen, da sie nicht hinterfragt, sondern durch spätere ähnliche Aussagen bestätigt wird.

    Die Falschbehauptung über Männer wird, um sie glaubwürdiger erscheinen zu lassen, einer vorher als besonders vertrauenswürdig vorgestellten Person in den Mund gelegt. Die hier benutzte Argumentationstechnik "Autoritätsverweis" ist ein Scheinargument.

    Die These, Männer würden "glauben" im Sinne von bewußt meinen, Privilegien zu haben, ist absurd. Typischerweise werden solche Aussagen als unterbewußtes Denken verstanden. Diese These läuft darauf hinaus, daß Männer sozusagen Gedankenverbrechen begehen, wenn sie sich nicht ständig ihre möglicherweise vorhandenen Privilegien bewußt machen. Die Theorie der unterbewußten Privilegien ist hochumstritten und gilt als feministische Propaganda.

  3. Doch dieser Anspruch werde beschädigt unter anderem dadurch, daß immer mehr Frauen beruflichen Erfolg haben und so eine Konkurrenz darstellen.
    Hier wird völlig argumentfrei von der (angeblichen) Existenz von Privilegien auf einen Anspruch, diese Privilegien zu haben, geschlossen. Auch hier bleibt offen, ob dieser Anspruch bewußt oder unbewußt sein soll.
  4. ... die Genderstudies, die in Deutschland erstmals in den neunziger Jahren eine autonome Disziplin bildeten.
    Nein, die Gender Studies sind keine autonome Disziplin, da sie die Kriterien eigenständiger Wissenschaften nicht erfüllen. Sogar in den Selbstdarstellungen wird betont, daß man die Gender Studies nicht mit einer traditionellen Einzeldisziplin vergleichen kann.
  5. ... seit Kurzem lehrt er auch in einem Masterstudiengang für "Studien von Männern und Männlichkeiten".
    ... der leider unauffindbar ist.
  6. ... in 2 - 3 Jahren soll es die ersten Absolventen geben
    Masterstudiengänge dauern üblicherweise 4 Semester, in vielen Fällen sogar nur 2 Semester, und erheben in den USA i.d.R. sehr hohe Studiengebühren. Da viele Studenten diese Gebühren nur mit Mühe finanzieren können und keine finanziellen Reserven haben, wird ihnen praktisch garantiert, das Studium in der Regelstudienzeit zu beenden. Dazu paßt die Aussage nicht, daß die aktuell vorhandenen Studenten irgendwann in 4 - 6 Semestern die ersten Absolventen sein werden.
  7. die aggressiven Männer sitzen nicht nur in der Talkshow
    Erneut mehrfach Ambiguität. Welche Talkshow? Welche Männer? Drückt der Plural "Männer" eine Zahl deutlich oberhalb von 2 aus? Wie ist diese Zahl mit den ständigen feministischen Interviews bzw. Sendungen zu vergleichen? Wann ist man(n) "aggressiv"? Ist Kritik am Feminismus bereits Aggression oder hate speech?
  8. ... weißen Männern, die einst die Mitte der Gesellschaft bildeten, sich durch die Globalisierung aber an deren Rändern wiederfinden - und darauf mit Wut reagieren. Die richtet sich vor allem gegen Minderheiten und Frauen.
    Pauschale rassistische und sexistische Diskreditierung von Weißen bzw. Männern. Von der Globalisierung sind Nichtweiße genauso betroffen. Die These, daß weiße Männer vom sozialen Abstieg betroffene Männer wütend werden (oder wütender als nichtweiße Männer oder beliebige Frauen) und diese Wut typischerweise an Minderheiten und Frauen ab reagieren, wäre noch zu beweisen. Auch hier wieder: formal wird Kimmel zitiert, aber Text macht sich die Aussage zu eigen, weil er vorher jeden Zweifel an der Glaubwürdigkeit Kimmels ausgeräumt hat.
  9. Junge Männer in Jeans und Karohemden, junge Frauen in Röhrenjeans oder Schlabberpullis.
    Hier auftretende Propagandatechnik: Personifizierungen von Sachdebatten. Nebenbei werden hier normative Stereotypen bestärkt, wie sich moralisch integre Leute zu kleiden haben.
  10. Kimmel gibt einen historischen Überblick. Immer wieder hätten Menschen sich auf die Biologie berufen, ...
    Kimmel und große Teile des Feminismus leben in der Vergangenheit, weil damals bei passender Interpretation historischer Dokumente diverse Benachteiligungen von Frauen vorlagen, die man noch heute für Schuldzuweisungen an "die Männer" instrumentalisieren kann. Das im Artikel vorgebrachte medizinische bzw. naturwissenschaftliche Unwissen im Jahre 1873 und der in dieses Unwissen hineininterpretierte Sexismus ist für heutige Debatten völlig irrelevant.

    Die Betonung Jahrhunderte zurückliegender Strukturen ist insofern eine besonders erprobte Propagandatechnik, als sie alte Wunden immer wieder aufreißt und eine falsche Übertragung von früheren Problemen auf die Gegenwart nahelegt.

    Typisch für feministische Propaganda ist hier ferner die pauschale Diskreditierung der Biologie.

  11. "Sexismus, getarnt als Wissenschaft", sagt Kimmel. Er zeigt auch auf, wie Clarkes Thesen bis heute nachwirken.
    Der Griff in die Vergangenheit ist gar nicht nötig. Die heutigen Gender Studies sind großenteils Sexismus gegen Männer, getarnt als Wissenschaft. man rätselt, wie ein Experte das übersehen kann.
  12. Etwa in einem Militärcollege in Virginia, das noch 1996 behauptete, Frauen seien den Anforderungen der Ausbildung körperlich und psychisch nicht gewachsen
    Frauen sind starken Anforderungen an die Körperkraft und Ausdauer i.a. nicht gewachsen, nicht nur beim Militär, sondern auch bei der Polizei und bei der Feuerwehr.
  13. [Überschrift] Der klassische Mann ist in der Krise - und ...
    Erneutes Arbeiten mit Ambiguität und unscharfen Begriffen bzw. mit plumpen Sprüchen. Wer ist dieser "klassische" Mann? Was für eine "Krise" hat er? Nun ist Herr Kimmel primär für die USA zuständig, dort haben die Männer in der Tat durch den grassierenden Feminismus eine Krise. Inwieweit der Artikel die Aussage auf Deutschland übertragen will, wissen wir nicht.

    Jedenfalls wird in Deutschland zwar seit ca. 3 Jahrzehnten laufend vom "Mann in der (Identitäts-) Krise" geredet, ausgestorben ist der Mann als solcher aber immer noch nicht, und einflußreiche feministische Kreise beschwören nach wie vor die Allmacht des Patriarchats und die resultierende Unterdrückung der Frau, die eine kompensatorische gesetzliche Diskriminierung von Männern alternativlos macht.

    Daher drängt sich schon seit längerem der Eindruck auf, das mantraartige Wiederholen der These vom "Mann in der Krise" sei in Wirklichkeit ein Propagandainstrument und diene nur zur Verunsicherung von Männern und zur Verbreitung von negativen Stereotypen über Männer.

  14. ... sind sich einig, dass sie althergebrachte Rollenbilder ablehnen.
    Ein zentrales Dogma der feministischen Ideologie (und der darauf basierenden Gender Studies) besteht darin, daß konventionelle Geschlechterrollen abzulehnen und zu bekämpfen sind. Hinsichtlich der Rollenbilder besteht keine Wahlfreiheit. Formal wird zwar immer wieder behauptet, man setze sich für das Aufbrechen der Rollenbilder ein. Tatsächlich werden aber ein einheitliches, geschlechtslose Rollenbild propagiert, das in allen Aspekten der Beziehung eine minutiöse Gleichstellung verlangt, am besten mit 50%-Zeitquoten für jede Tätigkeitsart. Abweichungen von diesem geschlechtslosen Rollenbild werden diskreditiert, dieses im eigenen Milieu etablierte Standard-Rollenbild darf nicht aufgebrochen werden.
  15. [Überschrift] Männer "resozialisieren"
    Implizite Aussage (Hypnosetechnik Präsupposition): "Männer" sind grundsätzlich asozial, und zwar in einem Ausmaß, das die Resozialisierung von Männern zu einem gesellschaftlich relevantem Problem macht. Die implizite Aussage ist plattester Sexismus gegen Männer.
  16. Die konkreten Themen in Kimmels Seminaren sind vielfältig ... solche Themen, bei denen deutlich wird, dass dieser Master mehr ist als nur ein exotisches Anhängsel für das Soziologiestudium.
    Hier wird suggeriert, daß Geschlechterverhältnisse in der Soziologie bisher kein Thema waren, eine völlig absurde Unterstellung. In der klassischen wissenschaftlichen Soziologie werden diese allerdings ergebnisoffen untersucht, was bei der Leitung dieses Studiengangs bzw. generell in den Gender Studies nicht erwünscht sein dürfte und nicht zu erwarten ist.

    Um die These "dieser Master ist mehr" zu belegen, müßte man das Curriculum kennen. Solange dieses Curriculum (bzw. jegliche offizielle Inhaltsdarstellung des Studiengangs fehlt), bleibt diese These unbewiesen und ist reine Propaganda.

  17. Denn der klassische Mann ist in der Krise.
    Propagandatechnik: Erzeugen von negativen Stereotypen über unbeliebte Menschengruppen durch mantraartige Wiederholung von pauschalen, herabsetzenden Aussagen.
  18. Doch die meisten Mädchen wollen sich nicht mehr retten lassen.
    Propagandatechnik: Erzeugen von positiven Stereotypen über beliebte Menschengruppen durch mantraartige Wiederholung von pauschalen, heroisierenden Aussagen.
  19. Viele Männer sehnen sich nach Orientierung - oder gleich nach den guten alten Zeiten, Stichwort Trump.
    Hier verstecken sich gleich mehrere implizite falsche bzw. strittige Aussagen:

    • Implizite Aussage: "Viele Männer haben keine Orientierung, sind orientierungslos und sind zu dumm, dieses Problem selber zu lösen."

      Mit "Viele Männer" wird suggeriert, die Aussage würde auf die überwiegende Mehrheit der Männer voll oder weitgehend zutreffen und sei charakteristisch für die Gesamtheit. Aus dem Kontext kann geschlossen werden, daß hier nur Männer im Alter von ca. 20 - 40 Jahren gemeint sind. Selbst mit dieser Einschränkung ist die These unhaltbar. Sehr viele Männer sind nämlich sehr gut orientiert und sehnen sich nicht nach weiterer Orientierungshilfe, haben verstanden, wo und wie sie für dumm verkauft werden und wählen u.a. Protestparteien wie seinerzeit die Piraten und neuerdings die AFD. Am besten orientiert sind die MGTOW, die eine sehr bewußte, nichtkonforme Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse vorgenommen haben und die sehr klare Konsequenzen daraus gezogen haben. Orientierunglos sind am ehesten junge Männer aus dem links-grünen Milieu. Die selektive Berücksichtigung dieses Milieus stellt das Gesamtbild des Orientierungsbedarfs unrichtig und verzerrt dar.

    • Implizite Aussage: "Frauen sehnen sich nicht nach Orientierung, sondern sind im Gegensatz zu Männern bestens orientiert"

      Hypnosetechnik: unzutreffende implizite gegenteilige Aussage über eine komplementäre Gruppe.

    • Hypnosetechnik Ambiguität: "die guten alten Zeiten"

      Es gibt sehr viele alte Zeiten, und welche man ggf. als gut oder schlecht bezeichnen kann. Die Beurteilung hängt vom Aspekt ab, den man betrachtet.

    • Implizite Aussage: "Viele Männer sehnen sich nach bösen Dingen."

      In "Männer sehnen sich ... nach den guten alten Zeiten, Stichwort Trump." klärt uns unser Kontextwissen - Trump ist der Beelzebub schlechthin - darüber auf, daß "Stichwort Trump" als negatives Signal zu interpretieren ist und daß die "guten (?) alten Zeiten" generell schlecht waren, das "gut" also ironisch zu verstehen ist. "Viele Männer sehnen sich..." also nach etwas schlechtem.

      Das hätte man theoretisch auch direkt ausdrücken können, eine direkte Aussage führt aber zum Nachdenken und vermutlich zu einem Widerspruch. Eine implizite Aussage wird genauso verstanden und im Gedächtnis gespeichert, kann aber nicht hinterfragt werden.

Einschätzung der Gender Studies

Soweit die Belegstellen. Aber man soll ja nicht nur kritisieren, sondern auch loben. Ein Lob verdient die Passage
... Arbeit an der Schnittstelle von Wissenschaft und Aktivismus. Das ist vielleicht typisch für die Männlichkeitsforschung. "Neutrale" Soziologen, die zu Geschlechterthemen forschen, gibt es kaum.
Das ist exakt ein zentraler Kritikpunkt an den Gender Studies, die personelle, strukturelle und inhaltliche Verzahnung mit der feministischen Ideologie. Zustimmen kann man auch der Einschätzung:
Der empirische Fokus liegt in den Genderstudies immer noch häufig auf den Frauen
Dies ist konsistent mit dem feministischen Dogma, daß in der Geschlechterfrage alleine Frauen relevant sind, es wird noch einmal bestätigt durch die Einschätzung, daß die isolierte Erforschung von Männern oder Männlichkeit nicht sinnvoll ist, denn:
Wenn man etwa Biografien von Männern erforscht, muss man diese in Relation zum Geschlechterverhältnis setzen und auch die Beziehungen zu Frauen berücksichtigen.
Gender Studies sind also völlig in Ordnung, wenn sie in der Tradition der klassischen Frauenforschung stehen, wo Frauen über Frauen im Interesse von Frauen "forschen" und wo die Sichtweisen und Interessen von Männern als irrelevant betrachtet und ausgeschlossen werden. Mit vertauschten Rollen ist diese einseitige Behandlung hingegen nicht akzeptabel. Dies ist übrigens ein weiterer zentraler Kritikpunkt an den Gender Studies, die systematische Leugnung bzw. Nichtbeachtung einer männlichen Perspektive bei der Analyse der Geschlechterverhältnisse.