Donnerstag, 12. September 2013

Die Bundestagswahlprüfsteinlawine

Die Parteien können einem manchmal wirklich leid tun. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 geht eine regelrechte Lawine von Wahlprüfsteinen auf die Partien hernieder.

Die FDP und die Linke haben Liste von fast 500 bzw. fast 300 Antworten auf die unterschiedlichsten Anfragen publiziert. Dies waren die größten auffindbaren Sammlungen; andere Parteien haben kleinere Sammlungen, in denen weitere Anfrager auftauchen, oder sicherheitshalber gar keine frei zugängliche. Es gibt insgesamt deutlich über 500 Bundestagswahlprüfsteinproduzenten (darunter einige sehr kuriose).

In das Themengebiet Männer, Frauen, Familie usw. fallen rund 20 Anfragen. In den einzelnen Anfragen treten einige besonders populäre Themen, z.B. Kindergeld, Betreuungsgeld, häusliche / sexuelle Gewalt usw., wiederholt auf (was den Einsatz von Textbausteinen in den Antworten der gleichen Partei erleichtert).
Die Fragen sind natürlich i.d.R. keine Wissensfragen, sondern politische Forderungen ("Was gedenken Sie zu tun, um das gender pay gap von 22% zu beseitigen?" [1]).

Zu den Antworten: Die Antworten sind typischerweise 3 - 8 Seiten lang (alleine die Produktion der Antworten ist ein kleines Beschäftigungsprogramm). Man fragt sich, wer das alles liest und ob irgendwer Konsequenzen daraus zieht. Bei einer stichprobenartigen Kontrolle schienen die meisten Antworten Nacherzählungen aus den Parteiprogrammen zu sein. Ab und zu wird ausführlicher auf Details eingegangen, allerdings ändert sich der Gesamteindruck, den man schon vorher von den Parteien hatte, nicht wesentlich.

Mit anderen Worten: Die meisten Antworten sind höflich und langweilig und bestätigen nur die bekannten antimaskulistischen Standpunkte der meisten Parteien. Mit einer Ausnahme, und die ist ein echter Knaller, hier eine Kostprobe:

Frage 3 (der Gender Mainstreaming Experts International): Wie werden Sie die international anerkannten Strategien des Gender Mainstreaming (durchgängige Gleichstellungsorientierung) und des Gender Budgeting (gleichstellungs- und wirkungsorientierte Haushaltsführung) in Ihrer Regierungs- und parlamentarischen Arbeit nutzen?

Antwort (von Dr. Frauke Petry, Bundesgeschäftsstelle der AfD): Gender Mainstreaming ist KEINE Wissenschaft, daher gehören die angeblich anerkannten Strategien auf einen tatsächlich wissenschaftlichen Prüfstand.

Man reibt sich die Augen. Daß man sowas noch erleben durfte. Diese und weitere Antworten der AfD (die sich ansonsten sehr bedeckt hält) findet man indessen leider nur als Text, der in blauer Schrift in dem Brief eingefügt wurde, den die GMEI an die AfD geschickt hatte - Link auf das Dokument siehe Übersichtstabelle aller Antworten auf die Wahlprüfsteine -, also nicht auf einem Schreiben mit Briefkopf der AfD. Andererseits hat sich die NRW-Abteilung der AfD in der Sache identisch geäußert, so daß der Inhalt glaubwürdig erscheint.
Daß eine Partei, die es eventuell in den Bundestag schafft, den Staatsfeminismus und Gender Mainstreaming offiziell und ohne wenn und aber ablehnt, hat das Potential, einen politischen Dammbruch zu bewirken - man darf gespannt sein.

Ein trostloses Bild ergibt sich, wenn man die Bundestagswahlprüfsteinlawine einmal von der Seite der Empfänger betrachtet und spekulativ unterstellt, daß die Parteien die Forderungen in den Wahlprüfsteinen als repräsentativ für die Stimmung im Volke interpretieren, zumal unter den Absendern einige größere Verbände sind. Rund die Hälfte der Absender vertreten mehr oder weniger heftig feministische Forderungen und selektive Wahrnehmungen. Die Interessen von Jungen und Männern werden explizit praktisch nur in den Fragen von Agens thematisiert.
Die unterschwellige Botschaft der Steinlawine ist klar: Jungen und Männer haben keine Probleme und sind politisch irrelevant. Wenn man den Männern wie geplant mit Quoten usw. das Fell über die Ohren zieht, ist nicht mit ernsthaften Protesten zu rechnen, denn offenbar gibt es keine Infrastruktur, die solche Proteste organisieren könnte.

Zu den Antworten auf die Wahlprüfsteine.

[1] Der Glaube an das Gender Pay Gap ist, obwohl seit Jahren immer wieder widerlegt, nach wie vor erschreckend weit verbreitet. Beispielsweise findet sich in den Wahlprüfsteinen des AWO Bundesverbandes in Kap. 13. Gleichstellung der Text "... Beim Thema Gleichstellung muss vor allem etwas gegen den noch immer erheblichen Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern unternommen werden. Noch immer erhalten Frauen für dieselbe Arbeit 22 Prozent weniger Lohn als Männer." gefolgt von der Frage, wie diese Lohnunterschiede abgebaut werden.

Dienstag, 3. September 2013

Virtuelle Maskulisten und das Image des Maskulismus

Eigentlich schreibe ich hier nicht über tagesaktuelle Themen, zumal dieser Blog nicht als Diskussionsblog gedacht ist und ich keine Zeit zum Moderieren habe (bei Interesse an Diskussionen: das Thema wird gerade bei Evochris heftig diskutiert). Aber eine Ausnahme muß erlaubt sein.

Im Moment erhitzt #om3gate die Gemüter beiderseits des Geschlechtergrabens. Auslöser war bekanntlich der Vortrag "Ihr gehört alle mal durchgevögelt -- Hate Speech und Victim Blaming nach dem #Aufschrei" von Frau Strick auf der Piraten-Konferenz open mind #om13, in dem sie die virtuellen Belästigungen der Aufschreiinitiatoren anprangerte.

Sie belegte ihre Klage u.a. mit Äußerungen einer virtuellen Person, die den Blog kleines-scheusal.de und den Twitteraccount @ochdomino betrieb. Nach aktuellem Stand der Nachrichten war diese Person ein Fake. Es stand zwar eine reale Person dahinter, die scheinbar teilweise ihre eigene Meinung vertrat, aber letztlich im Auftrag einer Werbeagentur handelte, die mit Provokationen eine stark frequentierte Webseite aufbauen wollte. Charakterlich stellte sich diese virtuelle Person als durchaus gediegen dar (Bach, Kultur, Bücher, Antifaschismus, ...).

Als eine seltsame Ungereimtheit empfand ich schon vor einiger Zeit, daß sie einen anderen sehr aggressiven, von groben Unverschämtheiten strotzenden Blog eines "Maskulisten" mehrfach lobte, verlinkte und zur Lektüre empfahl. Obwohl der Schreiber sehr gut informiert war und einige Posts durchaus inhaltlich interessant waren, kam er wegen der verbalen Ausfälle nicht für meine (leider nicht vorankommende) Liste empfehlenswerter Blogs infrage. Dieser Blog wurde im Vortrag von Frau Strick ebenfalls mehrfach zitiert und auf diese Weise als typischer Maskulist präsentiert.

Auf mysteriöse Weise verschwand dieser Blog ungefähr zeitgleich mit kleines-scheusal.de, so daß der Verdacht aufkam, auch dieser Blog sei ein Fake; leider wurde nach langer Pause am 8.9.2013 wieder aktiv. Das Rätsel, wer hinter diesem Blog steckt, bleibt uns also erhalten. Wer hinter diesem Blog steckt, ist aber eigentlich zweitrangig, denn auch wenn es eine reale Person ist, dann wäre es --- genau das, genau eine einzelne private Person, deren Relevanz sehr beschränkt ist, mehr nicht.
Es ist genauso zweitrangig, ob @ochdomino die Meinung einer echten Person oder die Meinung eines synthetischen Charakters, den sich jemand ausgedacht hat, vertrat.

Entscheidend ist die Beobachtung, daß beide Avatare offensichtlich in hohem Maße bewußtseinsbildend für Frau Strick und andere Vertreter des Netzfeminismus waren und für das Negativ-Image des Maskulismus eine nicht unerhebliche Bedeutung besaßen: in Vorträgen wie dem von Frau Strick werden derartige Einzelfälle der Öffentlichkeit als die Normalfälle und als "die Realität" präsentiert, mit dem offensichtlichen Effekt, die Vertretung von Männerrechten insgesamt zu diskreditieren. Schon bei der #Aufschrei-Kampagne, die ein mehr oder weniger orchestriertes Ereignis war, wurde der Umfang und Inhalt der Tweets deutlich übertrieben dargestellt. Diese Kernkritik trifft auch auf den Vortrag auf der om13 zu. Man vermißt ferner die nötige professionelle Distanz gegenüber Quellen, deren Echtheit und Relevanz zweifelhaft ist.

Die Zweifel an der Echtheit bzw. Relevanz der beiden genannten virtuellen Personen haben einen positiven Effekt: sie machen deutlich, auf welchem dünnen Eis das Image des Maskulismus steht, das in den Medien und von bestimmten Strömungen des Feminismus propagiert wird.

Dem Maskulismus bleibt nichts anders übrig, als allen derartigen Falschdarstellungen und unzulässigen Verallgemeinerungen entschieden entgegenzutreten. Umgekehrt sollte man nicht den analogen Fehler machen, die extremen Ränder des Feminismus als repräsentativ für den gemäßigten Feminismus darzustellen. Ein Beispiel ist die Twitter-Kampagne #killallmen, die als Unverschämtheit und Geschmacklosigkeit zu verurteilen ist, die aber zumindest ich bei aller Verärgerung nicht ernst nehmen kann.

Nachtrag:
Der Zufall will es, daß wir gerade eine weitere Twitter-Kampagne #tvduell mit über 170.000 Tweets miterleben dürfen, deren Irrelevanz in "Wir sind die 0,01 Prozent: Die Second-Screen-Twitter-Blase" sehr schön analysiert wird. Diese Analyse unterstützt zum Glück an einem Thema, das nichts mit der Geschlechterfrage zu tun hat, die These, daß man sein Weltbild besser nicht auf Tweets anonymer Herkunft bauen sollte, weder auf einzelne noch auf massenhaft auftretende.

Überarbeitet am 9.9.2013

Weitere lesenswerte Analysen der Open Mind 13:

  1. Asemann: Geschlossenes Weltbild auf der "Open Mind" 13? http://asemann.de/?p=296
  2. pelz: #Neofeminismus: Vortrag auf der #om13 der Piraten, http://www.nuklearsprengkopf.de/2013/08/neofeminismus-vortrag-auf-der-om13-der-piraten/
  3. Lukas Schoppe: Milgram, Domino und die seltsame Sehnsucht nach Stalingrad, http://man-tau.blogspot.de/2013/09/milgram-domino-und-die-seltsame.html